273 Tage

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Was gibt es alles über den Zivildienst zu sagen? Die Wahrheit ist, ich könnte zig Seiten mit Geschichten, Anekdoten und anderem Wissenswertem füllen und es wäre noch nicht annähernd genug um den Zivildienst in einem Pflegeheim umfassend zu beschreiben, um dieser Vielfalt an Erlebnissen und Erfahrungen gerecht zu werden. Ich könnte jetzt über den Alltag erzählen, doch in erster Linie gibt es darüber nicht viel zu sagen. Es ist eigentlich immer das Gleiche, jeden Tag dasselbe, was von uns erwartet wird. Unmöglich zu bewerkstelligen ist es nicht. Der Zivildienst ist keine unglaublich anstrengende, schweißtreibende Arbeit, wie es einem gelegentlich so vorkommen mag. Sicher, es gibt Tage, da habe ich mir gedacht, meine Güte. Da weiß man nicht, wie man mit der Zeit auskommen soll, die man hat. Es kann sogar vorkommen, dass man sich etwas vornimmt, eine Arbeit, die erledigt gehört, und nicht dazu kommt, weil jedes Mal, wenn man Zeit dafür hätte, kommt jemand anderes und schafft fleißig an. Was in meiner Zivildiensteinrichtung nicht gerade  ungewöhnlich ist.

Aber wenn ich bedingungslos ehrlich bin, muss ich mir selbst eingestehen, dass alles, was ich über den Zivildienst schreiben kann, Nichts ist, was es auch nur ansatzweise wert ist, gelesen zu werden. Die meisten Österreicher haben es ohnehin schon hinter sich und für die Anderen: ganz ehrlich? Es ist sterbenslangweilig. Und mir kommt es vor, als gäbe es circa hunderttausend Millionen anderer Dinge, mit denen ich meine Zeit sinnvoller verbringen könnte. Beispielsweise das tun, was ich gern tue und wofür ich eines Tages hoffentlich auch einmal Geld bekomme: Artikel zu schreiben. Aber solange ich in diesem Pflegeheim arbeite, werde ich nicht dazu kommen. Am Abend, genauer gesagt um 16:15, komme ich heim und dann freut es mich schlicht nicht mehr, mich hinzusetzen und großartig weltverändernde Artikel zu verfassen. Auch hätte ich längst mit meinem Studium anfangen können, das ich dank dem großartigen Vater Staat um ein Jahr verschieben durfte. Was soll denn das. Ich bin nicht der Mensch, der von vornherein gesagt hat, dass Zivildienst etwas Schlechtes ist. Im Gegenteil, ob Sie es glauben oder nicht, ich habe sogar gedacht, dass es etwas sehr Sinnvolles ist, etwas, das ich zur Gesellschaft beitragen könnte. Das ist es nicht. Das was ich mache, das könnten die Schwestern, wo ich arbeite, mit links auch noch machen. Oder sie stellen eine Person ein, die genau das macht und zwar in genau derselben Zeit wie wir. Oft ist es sogar so, dass Schwestern mehr Zeit dafür aufwenden, uns zu suchen um uns Arbeit anzuschaffen – wie Betten zu machen – als sie selbst dafür gebraucht hätten.

Wie naiv ich doch war, jetzt kann ich es kaum glauben. Das waren eben die Gedanken eines Siebzehnjährigen, der noch gedacht hat, er könnte der Welt ein Bein ausreißen. Danke, Wehrpflicht. Aber eigentlich auch gut, sie hat mich zumindest auf den Boden der Tatsachen geholt. Und ich habe einige Leute kennen und schätzen gelernt. Weitab von pathetischen Reden, großen Politikern und Staatsmännern sehe ich Menschen, die – so grausam es klingen mag – am Ende ihrer Reise angekommen sind. Es ist ihre Endstation, dort wo ich arbeite. Das öffnet einem vielleicht in einem gewissen Sinne die Augen.

So gesehen ist der Zivildienst nichts Schlechtes per se, er wird nur zu so etwas gemacht – von manchen meiner Kollegen, die meine Arbeit nicht zu schätzen wissen, die mich mies behandeln, nur weil ich nicht meinen Militärdienst geleistet habe. Höflichkeit ist so zu einem raren Gut geworden und ich habe die Bedeutung des Wortes „Danke“ erst jetzt wirklich verstanden.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Zeit verschwendet war. Aber es gibt da diese eine Bewohnerin, die 97 Jahre alt ist. Sie ist geistig eigentlich noch recht fit, aber hört sehr schlecht, und sie sieht nicht mehr so gut. Oft ist sie auch unruhig und wiederholt ständig denselben Satz, dass der liebe Herrgott sage, sie könne alles essen und trinken. Aber wenn ich dann zu ihr hingehe und ihr die Hand gebe und sie mich dann sieht, wie sie dann lachen kann ist fantastisch. Und diese Freude gibt unheimlich viel zurück. Man kann von der Wehrpflicht halten was man will, wenn sie abgeschafft wird, wird sie abgeschafft und wenn nicht, dann eben nicht. Aber wenn ich mir alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, vor Augen führe, waren meine neun Monate nicht verschwendet. Doch das zu einem hohen Preis.

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