Zivildienst? Muss dir Wurscht sein.

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Der Mistsack ist gerissen. Ich stehe da, von oben bis unten voll mit irgendetwas, von dem ich bloß nicht wissen will, was es ist. Es stinkt erbärmlich. Ich beeile mich in die Garderobe. Und zwar sehr. Mein ehemals weißes Poloshirt ist vollkommen verdreckt. Ich ziehe es sofort aus und desinfiziere meine Haut. Normalerweise bin ich nicht so leicht zu beeindrucken, aber das war schon ziemlich… Naja. Grauslich. Der Tag wird immer besser und besser. Als mein Kollege hereinkommt und ich ihm das erzähle, verzieht er erst einmal sein Gesicht. „Man riecht‘s.“ Dann klopft er mir auf die Schulter und gibt Weisheiten von sich: „Muss dir Wurscht sein.“

Ich bin Zivildiener in einem Pflegeheim. Warum war ich nur so blöd und bin nicht zum Roten Kreuz gegangen, hätte ich mir so eine Situation bei dem Müllpressen erspart. Aber wenn ich ehrlich bin, hat auch das genau so viele Nachteile wie hier. Nur als Beispiel: Hier kommt man pünktlich und man geht pünktlich. Beim Roten Kreuz nicht unbedingt, da kann man fünf Minuten vor Dienstschluss noch einen Auftrag bekommen. Wie auch immer. Für uns alle beginnt der (Arbeits-)Tag um sieben Uhr. Wir alle, das sind meine Kollegen – sechs an der Zahl – und ich. Während wir das Frühstück austeilen, ist es bereits hell. Zum Glück. Der große Essenswagen scheppert und rattert, als ich ihn den Gang entlang zum ersten Zimmer schiebe. Er ist wie ein Kasten auf Rädern, ziemlich groß und stellenweise auch schon ziemlich kaputt. Ich öffne die Tür des Wagens, nehme das Tablett heraus. Eine Thermoskanne Kaffee, Striezel, Butter, Marmelade und Erdbeerjoghurt ist in den meisten Fällen alles, was sich neben Besteck, Tasse und Serviette auf dem Tablett befindet. Wobei das Heim jetzt auch schon mehrere Sorten Joghurt eingekauft hat. Und manchmal ist noch ein Stück Obst oder Gugelhupf dabei. Ich öffne nach dem Anklopfen leise die Tür des Zimmers und stelle das Tablett auf den kleinen Tisch. Ein kurzer Blick aus dem Fenster und schon verlasse ich das Zimmer wieder. Insgesamt sind auf unserer Station 33 Menschen, denen wir so das Frühstück servieren. Bis spätestens acht Uhr sollten wir fertig sein, meistens ist es doch früher.

Und nach der Frühstückspause – unserer – noch eine kleine Zigarette…? Ich persönlich bin ja kein Raucher, setze mich aber immer dazu, mit meinem obligatorischen Häferl Kaffee. Aber nicht doch. „Überlegts einmal, fünf Mal zehn Minuten, das sind ja schon fünfzig Minuten, wie viel da weitergehen würde, wenn ihr nicht im Raucherzimmer sitzen würdet!“ Original unsere Oberschwester. Es bringt aber nichts, wir können dadurch, dass wir früher anfangen, Frühstückstabletts einzusammeln, die Leute nicht dazu bewegen, schneller zu essen. Aber um wieder einmal die alte Zivi-Weisheit zu bemühen: „Muss dir Wurscht sein.“

Frühstück absammeln. Betten machen. Mittagessen aus der Küche auf die Station bringen. Danach geht‘s weiter mit der Wäsche und dem Mist. Jeden Tag. Genau zweihundertdreiundsiebzig Mal. Mir macht die Arbeit nichts aus, es ist auch keine besonders schwere oder geistig fordernde Arbeit, doch sie wird mit der Zeit sehr eintönig. Ich persönlich könnte mir Nichts Öderes vorstellen als einen Beruf, in dem man jeden Tag dasselbe macht.

Es ist genau 11:30 Uhr. Jetzt kann man sich beeilen. Muss man aber nicht. Es wird sich so oder so alles ausgehen, aber die Wäsche muss bis zwölf Uhr unten sein. Und um möglichst viel Platz auszunutzen, muss man aus den halb vollen Wäschesäcken die schmutzigen Handtücher, Bettlaken, Inkontinenzbettauflagen und Tischwäsche umsortieren, sodass möglichst wenig Säcke hinunter zur Wäscherei kommen. Für diese Arbeit braucht man Gummihandschuhe, und man braucht sie dringend. Genau wie für die Mistsäcke, die danach an die Reihe kommen.

Fährt man jetzt hinaus ist es angenehm warm, die Sonne scheint und blendet dich. Vor ein paar Monaten war es noch eisig kalt, da war man froh, wenn man wieder hineingekommen ist. Jetzt ist es angenehm, ja sogar fast zu heiß.

Zum Mittagessen gibt es etwas aus der hauseigenen Küche. Manchmal ist es ganz okay, meistens kann man es vergessen. Ich kann mir nicht aussuchen, ob ich hier essen möchte oder nicht, mir wird das Geld für das Essen einfach nicht ausbezahlt, wenn ich Essen anfordere, auch wenn ich es danach nicht esse – oder essen kann. Wenn es dann etwas gibt, wo sogar Küchenpersonal bemerkt, dass das „grauslich“ wäre, komme ich mir allerdings gefrotzelt vor. Aber was soll’s. Muss dir Wurscht sein. Nach dem Mittagessen habe ich sowieso den längsten Teil des Tages hinter mir, doch das Anstrengendste beginnt erst nach 13:30 Uhr. Das Warten auf das Ende des (Arbeits-)Tages. Wenn man etwas zu tun hat, ist der Nachmittag erträglich. Doch wenn nicht, verrinnt die Zeit ewig langsam. Die Zeit scheint still zu stehen und es gibt Momente, in denen man sogar daran denkt, dass die Uhr rückwärts laufen könnte. Es ist einfach… Träge. Träge ist das richtige Wort. Man schleppt sich irgendwie von Minute zu Minute und von Stunde zu Stunde. Es kommt einfach kein Ende in Sicht, obwohl es eigentlich nur zweieinhalb Stunden sind. Manchmal ist einfach Nichts mehr zu tun. Wir setzen und dann zu den Heimbewohnern und reden ein bisschen mit ihnen. Die alten Leute sind auch ziemlich froh, wenn man sich Zeit für sie nimmt. Und die meisten Schwestern finden das auch okay. Aber manche nicht, die sind der Meinung, dass es „sinnvollere“ Beschäftigungen für Zivildiener gibt. Die glauben, dass man nur bei den Bewohnern sitzen würde, damit die Zeit vergeht. Und dann suchen sie mit Gewalt etwas, dass sie einem zum Arbeiten geben können. Sagt man nachher etwas darauf, oder beschwert man sich gar, kommt dann das „Totschlagargument“: Selbst schuld, wärest du zum Bundesheer gegangen. Danke, deswegen habe ich eindeutig nicht Zivildienst gemacht. Gut, ich bin selbst schuld, ich habe mich dorthin zuweisen lassen in einem Anfall von… Wovon eigentlich? Elendiger Dummheit wohl. Zivildienst eben.

Manchmal kommt man sich direkt gejagt vor. Wenn man im Raucherkammerl sitzt und sich lediglich eine kleine Zigarette zwischendurch genehmigen will beziehungsweise in meinem Fall eine kurze Pause braucht. Ich meine, das kann doch kein Problem darstellen, solange die Arbeit geschieht. Aber irgendwie ist man da angespannt, macht sich Gedanken darüber, was passieren könnte, sollte jemand von der Verwaltung hereinkommen, wie es bereits der Fall gewesen ist. Die würden uns einschenken, dass es (k)eine Freude wäre. Katastrophe. In jeder normalen Firma ist das kein Problem weltbewegenden Ausmaßes. Hier schon.

Ich frage mich oft und oft warum das so sein muss. Mir kommt es beinahe vor, dass man auf Druck versucht, unfreundlich zu sein. Zum Beispiel wenn jemand, der neben dir steht, dir eine Schublade auf dein Bein schlägt beim Aufziehen. Und danach nichts sagt, dich einfach nur ansieht. Und wenn das deine Vorgesetzte ist. Und man einfach nichts darauf sagen kann, auch dann nicht, wenn dir hundert Sachen im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf schießen, die man ihr am liebsten ins Gesicht sagen möchte. Das man Nichts sagen kann nutzen sie – beinahe schon schamlos – aus. Mein Kollege, der schon fertig ist mit dem Zwangsdienst, hätte gesagt: „Muss dir Wurscht sein.“

Am Nachmittag, genauer gesagt um vier Uhr sind wir alle erleichtert, dass der Tag vorbei ist. Aber wir können gehen, die Heimbewohner können das nicht. Es ist nicht einfach. Nicht einfach, diesen Menschen erklären zu müssen, dass sie vielleicht erst später nach Hause können obwohl man weiß, dass dem nicht so ist. Nicht einfach zusehen zu müssen, wie ein Bewohner ins Krankenhaus eingeliefert wird, mit dem man vor einer Woche noch geredet und gescherzt hat. Nicht einfach zu wissen, dass viele der Bewohner gerne ihr Leben ändern würden, aber nicht können. Mir wird durch den Zivildienst täglich vor Augen geführt, wie zerbrechlich eigentlich die menschliche Existenz ist. Aber wie sollte man dieses Gefühl beschreiben, das einen manchmal beschleicht, wenn etwas von dem oben beschriebenen passiert? Wie schon gesagt, Zivildiener kommen und gehen. Es ist eine Art ständiger Kreislauf, nur die Bewohner und die Schwestern bleiben immer die gleichen. Es gibt sogar Bewohner, die seit dem Jahr 1983 im Heim sind – seit der Eröffnung. Aber viele Bewohner sind echt gut drauf und bekommen wirklich viel mit. Aber manche sind auch echt gruselig. Da gibt’s einen, wenn dich der ansieht, blitzt beinahe die Mordlust in seinen Augen. Und wenn er dann noch mit einem Frühstücksmesser spazieren geht…

Bald bin ich fertig mit dem Zivildienst – zum Glück. Meine geistige Leistungsfähigkeit ist dem Gefühl nach um circa 200 Prozent gesunken, aufgrund dieser Eintönigkeit. Und eine gewisse Unsicherheit ist deswegen dann doch da. Bringe ich die Leistung in einem Studium nach solch einem Leerlauf-Jahr? Man droht hier in eine „Wurschtigkeit“ hineinzurutschen, dass es einem graust. Vor sich selber. Man fragt sich, wer man ist, was man geworden ist. Ich frage mich immer wieder, ob ich wohl je wieder zu alter Form finden kann. Ich finde es außerdem schade, dass meine Zeit als Zivi von manchen unschönen Momenten überschattet wurde. Würden sich ein paar Personen zusammenreißen, ich denke ich würde sogar diesen Zivildienst als solchen weiterempfehlen. Sinnvoller ist es meiner Meinung nach dennoch als beim Bundesheer. Wegen der Bewohner. Das sind die Coolsten.

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