Vom Stammtisch in die Politik – Eine Rekonstruktion

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Der Hauptdarsteller unserer Geschichte ist ein Mann mittleren Alters. Er liebt Bier, Kaffee, seine Frau. Mehr oder weniger, sie wird von ihm oftmals auch als „mei Oide“ bezeichnet. Der Held unserer Geschichte ist ein bisschen übergewichtig, aber nicht schlimm. Hm, nennen wir‘s einen Bierbauch, das er da vor sich herträgt. Er braucht aber noch einen Beruf, unser Held. Da ich absolut keine Klischees provozieren möchte, sagen wir einfach, er ist Spezialist für quasi Alles, ein echter „Mann der Tat“! Ach ja, er ist nicht der Allergrößte, ungefähr 1,70m groß. Was tut unser Allround-Experte? Was könnte er machen, das erzählenswert wäre? Lassen wir ihn einmal das tun, was er oft unter der Woche, aber am liebsten am Wochenende macht: Am Stammtisch sitzen und plaudern. Da wir nervtötend sind, fragen wir, was er denn so plaudert. Ach, dies und das, meint er, dieser, unser Held, dessen Name Thomas lautet.
„Ach, es ist nicht mehr so wie früher. Früher, da hast wenigstens noch gscheid Arbeit ghabt, heut, frage nicht.“

Thomas nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Bierkrug, der eine respektable Größe hat und beginnt langsam damit, sich in Rage zu reden.

„Ja, ich mein, wo sind wir denn daheim, wo die Kinder heutzutage keine Bildung mehr haben, wo kommen wir da hin? Und nirgendwo is ein Geld da und ich sag‘s euch, da werden Steuern kommen, ob wir wollen oder nicht. Und überhaupt an allem schuld sind die Ausländer…“ Warum die schuld seien? Das weiß er nicht, meint Thomas. Die sind halt immer schuld.

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2013 Stammtisch sign Munich pub“ by TakeawayOwn work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Interessanterweise sitzt – zwar sonst nicht, aber gerade am heutigen Abend, wo der Thomas mit der üblichen Partie zur üblichen Zeit am üblichen Tisch sitzt und übliche Geschichten erzählt („Erst letztens, stellts euch vor, was da passiert is: der Hans is überfallen worden! JA! Praktisch direkt vor seiner Haustür, war so ein jugendlicher Raufbold, angeblich eh ein Jugo oder ein Türk, a Tschusch jedenfalls“) – sitzt an der Bar ein anderer Herr, der schon ein wenig jünger als der Thomas wirkt. Jünger, schmächtiger, bebrillt – am Nasenspitzel könnte man es ihm ansehen, dass er ein Akademiker ist. Aber nein, er kommt gerade erst frisch von der Uni, hat jetzt einen Job bei der größten Zeitung im Lande aufgerissen. Ein schmieriges Boulevardblatt, wenn ihr mich fragt, aber mich fragt keiner.

Also der Felix, wie er heißt, dieser Journalist, bekommt also die Ausschweifungen unseres ersten Helden mit und tut etwas, das ihn direkt zur Hauptfigur dieser Geschichte macht, also quasi den Thomas ablöst. Das dem das nicht gefällt ist klar, aber Felix macht etwas so Ungewöhnliches und Spannendes, dass wir unseren Blick einfach auf ihn und seine Arbeit richten MÜSSEN: Er schreibt einen Artikel. Für die größte Zeitung des Landes. (Natürlich ist es wenig wahrscheinlich, dass ein „Frischgfangter“ wie ein junger Kollege zeitweilig genannt wird, direkt bei einer großen Zeitung anfängt, aber in diesem Fall und um das langwierige Dazwischen (der eine liest den Artikel und der zieht weitere Kreise und dann immer weiter und immer so fort) zu umgehen, ist es legitim so etwas einmal anzunehmen und eine Ausnahme zu machen.)

Wie dem auch sei, dieser Artikel beeinflusst weil erreicht viele Menschen. Sehr viele Menschen. Wie gesagt, größte Zeitung und so. Diesen Artikel fand ich ein bisschen – um einen Euphemismus zu bemühen – aufregend.

Das fanden auch ein paar andere Leute, die diesen Artikel gelesen oder zumindest von ihm gehört hatten. Leute, wie Armin, die noch studieren. Und Armin, der Politikwissenschaft studiert, hat diesen Artikel gar nicht witzig gefunden. Er, als ERZ-Roter kann sich so gar nicht mit der Meinung, die darin vertreten wird, zurechtfinden. Was tut er also? Er wiederum löst unseren lieben Felix als Hauptfigur ab (unter uns, Felix hat da nichts dagegen, er steht nicht so gerne im Rampenlicht, sondern schreibt nur gerne) und organisiert eine Demonstration. In der Hauptstadt. Auf dem Platz vor dem Rathaus. Unglücklich gewählter Ort. Denn dieser Platz liegt gleich in der Nähe vom Parlament.

Wo auch ein Pack Politiker diesen Aufmarsch, organisiert vom Armin, mitkriegt. Bewacht vom obligatorischen Polizisten mit dem obligatorischen Leberkässemmerl vor dem Parlament betrachtet man diesen Aufruhr, der die heilige Ruhe in den heiligen Hallen der Politik stört. „Na super, jetzt werden wir was reagieren müssen,“ meint der Eine. Macht ihn das gleich wieder zu einer neuen Hauptfigur? (Also jetzt im Ernst, das wirkt doch ziemlich wie ein Karussell, oder nicht? Da wechseln die Hauptfiguren wie bei Hugh Hefner die Playmates.) NEIN. Denn die neue Hauptfigur ist schon im Plenarsaal des Parlamentes drinnen. Und hält schon eine Rede. Die von Reportern gefilmt wird und am Abend in allen Nachrichten sein wird. Das es nämlich „…eine Schande ist, bitte. Eine Schande, dass man in diesem Land nicht mehr sicher ist. Jetzt bedroht diese rote Schar da draußen, bitte, unser aller Leben! Man traut sich ja gar nicht mehr auf die Straße, bei den Unruhen! Sollen sie doch bitte stattdessen einen nützllichen Betrag für die Gemeinschaft leisten und arbeiten gehen, statt zu demonstrieren! Und die Migrantinnen und Migranten auch, oder sie sollen dorthin gehen, wo sie hergekommen sind! Das sind ja keine Zustände, für unsere braven Bürger! Und eines möchte ich bitte noch in aller Deutlichkeit sagen: Wir sind nicht ausländerfeindlich sondern inländerfreundlich!“ Hans-Claus.

Wie schon erwähnt, wird diese Rede im Fernsehen übertragen, auf allen Sendern. Ist also unverpassbar. Zwar sinnfrei, aber unverpassbar. Was ist die Folge davon? Klar. Wieder einmal der Wechsel der Hauptfigur. Doch diesmal ist es keine unbekannte, austauschbare Figur, weder von der Universität noch aus der Politik. Es ist unser einmaliger, unverwechselbarer Thomas, der 1,70m große, bierbäuchige, bierliebende, blonde, dreitagebärtige, Experte-für-alles-Thomas, den wir ganz am Anfang der Geschichte kennen gelernt haben. Der bekommt diese Rede mit. Und geht anschließend ins Wirtshaus, zum Stammtisch.

„Habts ihr ghört, was der Hans-Claus heut schon wieder gesagt hat? Der hat ja so recht, diese unnötigen Sozis und die Ausländer und…“

…Perpetuum Mobile.

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