Sunday, Bloody Sunday

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Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag in Großbritannien. England wie Schottland, auch in Wales ist alles normal. Aber gut, wann geschieht in Wales schon etwas wirklich weltbewegend Außergewöhnliches? Also, es ist ein ganz ruhiger, normaler Tag in Großbritannien, vielleicht mit Ausnahme der Stadt Derry. Ja, ganz eindeutig mit Ausnahme der nordirischen Stadt, hier soll eine Demonstration gegen die Internierungspolitik der englischen Regierung stattfinden. Mehr als 340 Menschen sind in englischen Gefängnissen in Haft, ohne je eine Gerichtsverhandlung gehabt zu haben. Dagegen protestieren die Bürger der nordirischen Stadt Derry, die heute übrigens Londonderry heißt. Es soll eine friedliche Demonstration werden; englische Polizei und Armee sind vor Ort, um für Sicherheit zu sorgen, eine Eskalation zu vermeiden. Der Organisator der Demonstration, Ivan Cooper, läuft hin und her. Er ist ein Abgeordneter zum nordirischen Parlament, will herausfinden, warum englische Fallschirmjäger hier in Derry sind. Möglicherweise zur Verstärkung der Sicherheitskräfte, sie haben aber keinerlei Erfahrung mit Demonstrationen. Cooper hält diejenigen, die gekommen sind dazu an, friedlich zu bleiben. Sie wollen keinen Ärger. Die Soldaten beobachten die Szenerie argwöhnisch. Langsam setzt sich der Zug in
Bewegung, bleibt friedlich. Unter den Demonstranten sind allerdings auch gewaltbereite Jugendliche. Sie werfen Steine, zunächst auf Polizisten, die diese Angriffe mit Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen erwidern. Die Fallschirmjäger werden zunächst vom Einsatzleiter zurückgehalten, doch schließlich auch mit Steinen beworfen. Die Militärs sind nicht zimperlich, verlieren die Selbstbeherrschung, meinen, Schüsse gehört zu haben. Erwidern das Feuer, das es eigentlich nicht gab, mit scharfer Munition. Die Fallschirmjäger töten insgesamt 27 Menschen, mindestens 100 Schüsse werden abgefeuert. Teilweise auf bereits am Boden Liegende, Wehrlose. Jugendliche. Menschen sterben mit erhobenen Armen, werden in den Rücken geschossen.

„Es fällt auf, dass die britischen Soldaten an jenem Blutsonntag nur Amok gelaufen sind und, ohne wirklich nachzudenken, wild um sich geschossen haben. Sie haben unschuldige Menschen getötet. Dass diese Menschen an einer nicht gestatteten Demonstration teilgenommen haben, rechtfertigt bei Weitem nicht das Verhalten der Soldaten. Aus diesem Grund bezeichne ich das Verhalten der Soldaten als nichts anderes als bloßen Mord.“
– Hubert O‘Neill, Rechtsmediziner der Stadt Derry, im Obduktionsbericht der Opfer

Durch die Taten britischer Soldaten am 30. Jänner 1972 starben insgesamt 27 Menschen. Doch statt sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen, das Verhalten der Verantwortlichen gründlich zu untersuchen und sie zu verhaften, tat die britische Regierung genau … gar nichts. Zunächst wurde versucht, das Verhalten der Soldaten zu rechtfertigen, sie hätten doch Schüsse erwidert. Zwar wurde eine Kommission einberufen, doch deren Ergebnisse decken sich nicht mit Augenzeugenberichten. Erst unter Premierminister Tony Blair 1998 schaffte es die Regierung, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten; 38 Jahre lang mussten die Angehörigen der Opfer des Bloody Sunday, wie er bald hieß, auf eine Entschuldigung warten.

200 Millionen Pfund kostete die teuerste Untersuchung, die sich Großbritannien je geleistet hat. Aufwendigste Verfahren wurden eingesetzt, unter anderem eine detailgenaue 3D-Rekonstruktion der Straßen von Derry, um die Geschichte lückenlos aufzuklären. Insgesamt umfasst der sogenannte Saville-Report (benannt nach dem Leiter der Kommission, Lord Saville) 5000 Seiten und er erhebt den Anspruch, die Wahrheit über jenen Tag zu erzählen, als Soldaten das Feuer auf hilflose Demonstranten eröffneten. Die Wahrheit über den Tag, als England seine eigenen Bürger angeschossen hatte. Erst durch diesen Blutsonntag 1972 in der Stadt Derry kam es zu der Eskalation des Nordirland-Konflikts, die wir die letzten Jahrzehnte erleben mussten. Mit diesem Tag lieferte Großbritannien der IRA genug Munition für einen lang andauernden Bürgerkrieg. Zwar ist jener 30. Jänner 1972 nicht der blutigste Tag jenes Konflikts, doch ist er der Tag, der alles eskalieren ließ. Doch der Bloody Sunday ist noch etwas. Er sollte uns allen in Europa sehr viel bedeuten. Denn er zeigt, wie in vermeintlich modernen Staaten viele Bürgerrechte immer noch missachtet werden.

Dieses Beispiel hält uns allen einen Spiegel vor das Gesicht. Gerade in Österreich, wo wir uns das Leben hier doch viel zu einfach machen, mit dem Finger auf andere zu zeigen; doch wir selbst haben noch viel länger gebraucht, uns für die Taten der österreichischen Nationalsozialisten zu entschuldigen. Uns überhaupt erst die wahre Rolle Österreichs im nationalsozialistischen Deutschland einzugestehen. So steht die irische Stadt Derry nicht bloß für eine Tragödie in der irisch-englischen Geschichte, sondern sie ist ein Mahnmal für alle, die die Geschichte verdrängen, sie ist ein Plädoyer für die rasche, lückenlose Aufklärung.

Der Bloody Sunday jährt sich zum 40. Mal. Ein Tag, an dem man nicht nur der Opfer gedenken, sondern sich auch fragen sollte, was der 30. Jänner 1972 für uns bedeutet, was sich seit diesem Jahr verändert hat. Warum wir in Europa heute immer noch Probleme mit der Nationalstaatlichkeit haben. Weshalb es notwendig ist, so lange für eine Untersuchung zu brauchen, falls sie überhaupt erst eingeleitet wird. Von einer Entschuldigung gar nicht erst zu sprechen.

Einige der Familien, deren Angehörige bei den Übergriffen der britischen Fallschirmjäger getötet wurden, haben sich sofort geweigert, eine Entschädigung der britischen Regierung anzunehmen, für den Fall, dass es eine geben sollte. Auf keinen Fall, bis sich die Soldaten nicht vor Gericht für ihre Verbrechen verantwortet haben. Dieses Verhalten ist absolut nachvollziehbar. Ich persönlich wollte nicht, dass meine Regierung die Verbrecher, welche Familienmitglieder, vielleicht meinen Cousin, meinen Bruder oder meinen Vater getötet haben, freikauft. Die Engländer hätten die Soldaten schon längst vor Gericht stellen sollen. Und ich frage mich, wo der Druck der Europäischen Gemeinschaft gewesen ist, als es darum ging. Oder der Druck irgendeiner anderen supranationalen oder internationalen Organisation. Tony Blair hat erste Schritte in die richtige Richtung eingeleitet, David Cameron hat das fortgesetzt. Nun muss er noch weiter gehen. Ansehen brächte es ihm genug. In ganz Europa.

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