#incommunicado

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Es gestaltet sich für mich jedes Mal wieder als kleine Herausforderung, eine Buchrezension zu schreiben. Ist es wieder einmal soweit, dass ich das Werk eines Anderen beurteile, muss ich unvermittelt an Mark Twain denken, der einmal gesagt hat: „Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe, wie zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen.“ Wie könnte ich, bloß als Leser, darüber urteilen, was die richtigen Worte sind, was jetzt Blitz und was Leuchtinsekt? Doch am Ende habe ich es dann doch gemacht, denn es ist wichtig. Manche Menschen verlassen sich tatsächlich auf Rezensionen, und wenn auch nur ein einziger Mensch eine solche von mir liest, hat es sich für mich bereits gelohnt.
Zugegeben, einen Roman von beinahe 600 Seiten zu rezensieren, der gerade erst erschienen ist, ist an und für sich nichts Außergewöhnliches. Dass sich der Autor, Michel Reimon, ein österreichischer Politiker (die Grünen), Journalist und Universitätsprofessor, dafür entschieden hat, ihn ausschließlich unter der Creative-Commons-Lizenz im Internet gratis zu vertreiben allerdings schon. Das ist wohl eine eigene Art von Kritik am Copyright-Gesetz, das merkwürdige Blüten zu treiben scheint. Hauptsächlich darum geht es in dem Roman, doch ich greife vor.

Wieder einmal, wieder bildet der Anfang gleichzeitig das Ende. In einer einzigen, großen Rückblende wird in #incommunicado erzählt, wie es zu der Situation am Anfang des Buchs kam, warum der (bis zum Schluss anonyme) Protagonist in einem blutbefleckten T-Shirt aufwacht, was sich bis dahin ereignet hat und wie es zu einer kleinen Revolution in der englischen Hauptstadt London kommen sollte. Denn der Protagonist ist Musikjournalist, der in Italien eine international besetzte Punk-Band, die Soudinistas, kennen lernt, sich mit ihnen anfreundet und schließlich Gitarrist wird. Sein Cousin möchte allerdings mit Patentrecht große Gewinne einfahren und möchte die Publicity, die es bringt, wenn er den Soundinistas ihre Schweigeminute aufgrund eines Songs von 4:33 Stille verbietet – wegen Verletzung des Copyrights. Was die anderen Bandmitglieder nicht wissen: Der Protagonist hat mit seinem Cousin Max ausgehandelt, dass die Soundinistas einen Plattenvertrag bekommen, sofern die Publicity für die Firma groß genug wird. Doch in weiterer Folge verliert die Band die Kontrolle über die entstehende Massenbewegung, niemand könnte den entstehenden Demonstrationen wirklich Einhalt gebieten.

Der Roman widmet sich der Entstehung des Copyright-Gesetzes, der ursprünglichen Intention dahinter, der Verfälschung derselben von Großkonzernen und der Geschichte der Plattenfirmen bis in die heutige Zeit. Oft und oft wird der Leser auf eine Zeitreise in die Vergangenheit mitgenommen und in den verschiedensten Farben werden Geschichtliche Ereignisse dargestellt. Gutenberg, Kopernikus und Mozart geben sich genauso ein Stelldichein wie Beethoven, Brecht und Gabriel Bell, immer wieder liest man von solch großen Namen, gefüttert, angereichert mit verschiedenen Zitaten von wichtigen Persönlichkeiten wird der Roman illustriert. Das Buch stellt die Gegenkultur in den Mittelpunkt des Interesses, macht einen drauf, und jeder, der schon einmal eine Platte von The Clash gehört hat und sie gut fand, wird etwas mit diesem #incommunicado anfangen können. Viel ist dabei wirklich interessant, Einiges äußerst spannend, Manches aber hat auch seine Längen und wirkt einschläfernd. Was man hier erfährt, ist nicht uninteressant, doch oft ist es so, dass einige Jahreszahlen nicht wirklich interessieren, der Fluss leidet und es einem allzu klugscheißerisch vorkommt. Mit anderen Worten: man bemerkt, dass man belehrt wird. Hier scheint sich allzu sehr der Professor in Michel Reimon durchzusetzen, was schade ist, denn #incommunicado ist ein absolut alternativer Roman mit einer höchst politischen Aussage. Ja, mehr noch: Es ist ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst und derjenigen, die sie konsumieren. Das, vermischt mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, aktuellen Medien wie Twitter, ein bisschen Sex, Alkohol und Provokation ergibt #incommunicado.

Ich kann das Buch einem jedem herzlich an Selbiges legen, denn es ist wichtig, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, wer eigentlich die Welt patentiert hat.

Das PDF gibt‘s hier zum kostenlosen Download, allerdings ist damit auch eine Facebook-Anmeldung erforderlich:
http://www.scribd.com/doc/80155466/Incommunicado-De

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