Suspect it.

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Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus erinnern die Aufkleber an den Fenstern der Bushaltestellen fast an jene schwarzen Greifvogelattrappen, die man hierzulande an sorgfältig polierte Fensterscheiben klebt, damit Vögel nicht mit einem für sie unsichtbaren Hindernis kollidieren. Da sich besagte Bushaltestelle aber in der New Yorker Innenstadt befindet, stellt die Rettung der Vogelwelt eher ein Randproblem dar. Nähert man sich, erkennt man einen einzigen, fett gedruckten Satz auf den durchsichtigen Stickern:
„If you suspect it, report it.“
Das „it“ steht für all das, vor dem sich diese Stadt seit zehn Jahren zu schützen versucht – das, wovon niemand genau weiß, wo es sich befindet oder wie es aussieht. „It“ ist die große, eigenschaftslose Unbekannte – so eigenschaftslos, dass sie als Resultat durch jeden und alles verkörpert werden kann. Die vorgeschlagene Lösung des Problems ist scheinbar, Misstrauen zur staatlich verordneten Bürgerpflicht zu erheben.

Der Automat druckt mein U-Bahn Ticket, als ich einen Blick über die Schulter werfe und mir eine blaue Tasche rechts neben den Rolltreppen ins Auge springt. Normalerweise hätte ich so eine Banalität schlicht nicht wahrgenommen; jetzt bin ich ungewollt intuitiv am Suspecten. Eine junge Frau sieht mich beim Betrachten des Gegenstands, und fragen mich ihre Augen: „Haben wir eben ein It entdeckt?“

In New York lernt man sehr schnell, wie Sicherheitsdenken real umgesetzt aussieht. Möchte man Empire State Building, Rockefeller Center, Metropolitan Museum besuchen oder auch nur die Fähre nach Staten Island nehmen, heißt es zuallererst – Tasche öffnen, Metalldetektoren, Security Officers; Schuhe ausziehen optional.
New York ist ein einziger Flughafen, der fünf Boroughs umfasst. Die ganze Stadt hat sich zu einem Symbol gewandelt; New York ist Zentrum, New York ist Westen, vielleicht Zentrum des Westens – und New York bietet eine permanente Angriffsfläche, auf der jedes unbeaufsichtigte Gepäckstück jederzeit explodieren kann.
Man vermutet das unbekannte „it“ am wahrscheinlichsten dort, wo der eigene Blick kurz haften bleibt und er haftet zumeist an Fremdem.
Erhöhter Schutz verlangt, scheinbar, nicht viel – aber doch ein kleines, stetiges Dahinschwinden von Offenheit und Toleranz, schließlich kann sich vieles außerhalb der Norm innerhalb von Sekundenbruchteilen zum it verwandeln.

Als ich mein Ticket in der Hand halte, hat jene blaue Tasche zurück zu ihrem Besitzer gefunden– beinahe vergessen, schnappt sie ein älterer Herr im Vorbeigehen. Zum Glück, denn sie wäre definitiv reportwürdig gewesen.

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