Krasser Grass

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„Es ist ein ekelhaftes Gedicht“, findet der berühmte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, just an dem Tag, an dem Günter Grass in Israel zur Persona non grata erklärt wurde, was bedeutet, der deutsche Literaturnobelpreisträger darf nicht mehr in das nahöstliche Land einreisen. Stein des Anstoßes und Grund der harschen Kritik an dem Lyriker ist das Werk „Was gesagt werden muss“, erschienen in der Süddeutschen Zeitung. Schon lange wurde kein Gedicht mehr mit einer solchen Empörung aufgenommen wie dieses; das wirft jedoch einige Fragen auf. Ist dieses Gedicht wirklich so furchtbar, wie es unter anderem Herr Reich-Ranicki sieht, was schreibt Grass eigentlich? Warum wird er so heftig angegriffen, ja, darf nicht mehr in Israel einreisen? „Was gesagt werden muss“ im Wortlaut hier.

Bevor man sich seine Meinung bildet, sollte man das Gedicht selbst lesen und Grass erst dann verurteilen oder freisprechen. Ich für meinen Teil finde es logisch, dass der Dichter kritisiert wird, wenn er schreibt,

„Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
Dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
Empfinde ich als belastende Lüge
Und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
Sobald er mißachtet wird;
Das Verdikt ,Antisemitismus‘ ist geläufig.“

Wenn man schon meint, das Äußern einer Meinung würde ohnehin gleich als Antisemitismus abgestempelt werden, kann man schon fast davon ausgehen, angegriffen zu werden, da er damit indirekt behauptet, dass in Israel die Presse- und Meinungsfreiheit ein Problemfeld darstellt. Grass stilisiert sich hier zum Opfer, noch bevor irgend etwas passiert ist. Selbstverständlich darf man die Politik eines Staates kritisieren, doch wenn man das im Falle Israel tut, muss auch mitreflektiert werden, dass es im Nahen Osten genug Diktaturen gibt, die Israel – die einzige wirkliche Demokratie in dieser Region – am liebsten ausradiert sehen würden, unter anderem der Iran unter Mahmud Ahmadinejad – den Grass in seinem Text auf eine Stufe mit Israel stellt:

„Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es Mägen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.“

Es gibt noch andere Stellen in dem Gedicht, die ich hier nicht zitieren will (siehe Strophe 2 und Strophe 7), doch hier wird es meiner Meinung nach besonders deutlich, dass der Dichter Israel und den Iran auf einer Ebene sieht. Abgesehen davon muss man sich fragen, ob es wirklich Israel ist, das den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährdet, wie es Grass ausdrückt, oder ob nicht vielleicht die Urananreicherung in der iranischen Diktatur unter Ahmadinejad eher das Land ist, welches für Spannungen in der Region sorgt.

Nachdem nun heftige Kritik aufgekommen ist, meinte Grass im Interview, er würde das Gedicht jetzt anders schreiben, er habe nur die Regierung Netanyahu kritisieren wollen. Was ich nachempfinden kann, immerhin ist dieser ein Rechtspopulist, die auch in Österreich wesentlich stärker kritisiert werden sollten, als es momentan der Fall ist. Es ist auch richtig, was Grass anspricht: die iranischen Menschen würden wohl die Leidtragenden einer kriegerischen Auseinandersetzung sein. Was allerdings falsch ist an den Ausführungen Grass‘: er stellt die Situation so dar, als wäre Ahmadinejad bloß ein „Maulheld“; jemand, der nur „groß daherredet“. Auch schwingt die Annahme mit, Israel wolle die iranische Bevölkerung auslöschen. Es ist wohlgemerkt tatsächlich nicht klar, was der Iran mit seinem angereicherten Uran vorhat – er ist verwendbar für Atomwaffen genau so wie für Atomkraftwerke. Letztendlich fürchte ich, wird man erst wissen, ob der Iran Atomwaffen hat, wenn er sie einsetzt oder er zuerst angegriffen wird und man danach erkennt, dass er gar keine hatte. Es ist verständlich, wenn Jerusalem fürchtet, dass Nuklearwaffen gegen einen selbst eingesetzt werden könnten und dabei einen Präventivschlag in Erwägung zieht. Ich möchte mir kein Urteil erlauben, abgesehen von dem, dass ich generell gegen kriegerische Auseinandersetzungen bin. Nein, Israel ist zu kritisieren – unter anderem für die Siedlungspolitik in der West Bank, die gegen geltendes Völkerrecht verstößt – aber die REGIERUNG und nicht auf DIESE Weise.

Man kann jetzt weiter darüber streiten, ob Grass Antisemit ist oder nicht, ob seine Kritik an Israel gerechtfertigt ist oder nicht und ob die Erklärung zur Persona non grata nicht vielleicht doch ein bisschen übertrieben ist. An dieser Stelle muss ICH eine Sache an Israel bekritteln: in einer Demokratie ist Kritik, ist Protest essentiell, für einen konstruktiven Diskurs. Es darf keine Lösung sein, jemanden nicht mehr ins Land zu lassen, nur weil diese Person – sei sie noch so umstritten – Kritik äußert. Das Gedicht jedenfalls ist sprachlich scheußlich.

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3 Kommentare

  1. Wie präzise, gezielt und human Israel bei MIlitärschlägen vorgeht, konnten wir 2005 im Libanon sowie 2009 im Gazastreifen sehen. Alleine im Libanon starben in den ersten 6 Monaten nach Kriegsende 200 Menschen – Folgen der einsetzten Streubomben.
    Es heißt immer wieder, „man könne Israel mit dem Iran nicht auf einer Stufe stellen“. Darum geht es nicht, es geht um das Messen mit zweierlei Maß. Israel scheint außerhalb des Völkerrechts zu stehen. Unter dem Deckmantel des „Rechtes auf Selbstverteidigung“ wird ein ganzes Volk wie Menschen dritter Klasse behandelt. Vom Westjordanland geht keine Gefahr aus, dort regiert auch nicht die Hamas. Trotzdem werden die Siedlungen dort ausgebaut und auch in punkto Infrastruktur mit Israel verbunden, die Zerstückelung und Ghettoisierung der Palästinenser also zementiert.
    Und wieso ist es Israel erlaubt, Atomwaffen zu besitzen? Weil sie, wie Klaus Kleber stammelnd vor Ahmadinedschad fabulierte, „es den Atomwaffensperrvertrag NICHT unterzeichnet hat?“ Das ist schon verschrobener Humor Monty Pythonscher Prägung……

    Übrigens hat die mediale Reaktion auf Grass‘ Gedicht bezeichnend genug – „if you can’t attack the message – attack the messenger“

    MfG

    Tare

    1. Danke für deine Antwort!

      Ich denke schon, dass es darum geht, den Iran mit Israel eben nicht auf eine Stufe stellen zu können. Israel steht de facto wohl tatsächlich außerhalb des Völkerrechts, da sie von den USA – wenn man so will – „gedeckt“ werden, also niemals eine Verurteilung israelischen Verhaltens durch den UNO-Sicherheitsrat erfolgen wird, von einem Eingreifen desselben ganz zu schweigen. Das will ich entschieden verurteilen, auch, dass die UNO eindeutig nicht mehr als bloß die Summe der Mitgliedsstaaten und teilweise undemokratisch (Sicherheitsrat) ist. Das sollte natürlich nicht der Fall sein. Dass die Kritik an Grass‘ Gedicht ebenso gerechtfertigt ist wie eine andere Kritik an Israels Politik habe ich versucht zu zeigen, aber auch, dass es nicht so geht, wie Grass es versucht hat. Abgesehen davon meine ich ja, dass eine konstruktive Kritik an Regierungen immer angebracht ist.

      MfG, R.J. Spötta

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