„Blutschande“

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Im österreichischen juristischen System haben wir einen sehr konservativen Begriff dafür. „Blutschande“ wird hier gemäß §211 StGB mit bis zu sechs Monaten Gefängnis bestraft – nicht so hart wie in Deutschland. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat jüngst entschieden, dass das deutsche Recht in solch einem Fall nicht gegen geltendes Menschenrecht verstößt. In einem sehr interessanten, wirklich lesenswerten Kommentar Parvin Sadighs in der „Zeit“ thematisiert sie dieses lange tabuisierte gesellschaftliche Thema. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass die Ablehnung inzestuöser Beziehungen durch kein vernünftiges Argument zu rechtfertigen ist. Ich habe diesen Kommentar zum Anlass genommen, dieses Thema in meinem Bekanntenkreis auszudiskutieren. Eine wirklich spannende Debatte war die Folge, wie bei einem solch kontroversen Punkt nicht wirklich anders zu erwarten. Die Reaktionen reichten von Verständnis über leichte Zustimmung bis zur eindeutigen Ablehnung inzestuöser Verhältnisse.

Die meisten Menschen tun sich schwer mit der Vorstellung, dass sich Geschwister oder direkte Verwandte ineinander verlieben und sogar Kinder zeugen könnten. Ja, sogar in den Sozialwissenschaften, in denen eigentlich thematische Aufgeschlossenheit herrschen sollte, begegnet man diesem Thema sehr selten. Gerade in den Sozialwissenschaften, in denen sich verschiedenste Autorinnen und Autoren, Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit Genderfragen, Heteronormativität, Homophobie und dergleichen mehr auseinandergesetzt haben, ist das Thema Inzest nicht wirklich angekommen. Um wirklich ehrlich zu sein, es überrascht mich auch nicht wirklich. So, wie es auf mich wirkt, gibt es bis zu einem gewissen Grad einen gesellschaftlichen Konsens, dass Inzest etwas ist, das man prinzipiell ablehnt.

Die Argumente Parvin Sadighs sind logisch nicht zu widerlegen. (Vielleicht ist es doch ein wenig stark überzeichnet, wenn sie eine inzestuöse Verbindung mit dem Rauchen einer werdenden Mutter vergleicht.) Die einzigen Gründe, die gegen eine sexuelle Verbindung zwischen Verwandten sprechen, sind also moralischer Natur. Doch die Moral ist etwas gesellschaftlich Erzeugtes, auch variiert sie mehr oder weniger stark je Kulturkreis. Auch die Geschichte zeigt, dass Moral wandelbar ist. Im vorigen Jahrhundert hielt eine breite gesellschaftliche Schicht es für „moralisch falsch“, wenn zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe sexuelle Beziehungen eingegangen wurden. Oder, dass Inzest lange Zeit in vielen verschiedenen Herrscherhäusern etwas war, das ganz alltäglich war. In Ägypten und im Sudan war es Brauch, dass das Kind der Schwester des Königs einmal den Thron erben würde. Wollte also der Herrscher, dass sein Kind die Herrschaft erbt, musste er wohl oder übel seine Schwester schwängern. Kleopatra VII., die mit ihren beiden Brüdern verheiratet war oder Tut-Anch-Amun, der an mehreren schweren genetischen Krankheiten zu leiden hatte, sind prominente Beispiele. Auch innerhalb europäischer Herrscherhäuser galt es als Tugend, die eigene Blutlinie (da man ja „von Gott abstammte“) „rein“ zu halten. Also war es logisch, in der eigenen Familie zu heiraten. Es stellt sich also die Frage, wie Inzest von einem gesellschaftlich unproblematischen Thema zu einem Tabu geworden ist. Ich meine mich daran zu erinnern, dass viele genetisch bedingte Krankheiten durch die verstärkten Genmutationen bei inzestuösen Beziehungen erst entstanden sind, ich könnte mir vorstellen, dass der Grund hier liegt.

Wie dem auch sei, argumentiert man auf diese Weise (also, dass Erbkrankheiten weitergeben werden könnten) ist der Vorwurf der Eugenik wohl ein berechtigter. Hinzu kommt noch, dass das österreichische Recht hier einen grundlegenden Fehler enthält: argumentiert man mit genetisch bedingten Krankheiten und benutzt man diese Argumente dazu, Inzest unter Strafe zu stellen, ist es mehr als schwierig zu rechtfertigen, wieso nur der Vaginalverkehr bestraft wird, künstliche Befruchtung jedoch erlaubt ist. Das führt zu einer Frage: warum ist die Rechtslage so? Argumentiert man auf diese Weise, muss Inzest entweder entkriminalisiert werden, oder auch die künstliche Befruchtung verboten sein. Wem nützt es, wenn „Blutschande“ ein Straftatbestand bleibt? Wem schadet es? Eine schwierige Frage, auf die ich keine Antwort habe. Das Beispiel Parvin Sadighs hat einige Fragen aufgeworfen, die wohl gesellschaftlich ausdiskutiert werden müssen. Ich rechne allerdings nicht damit, dass ich die Lösung dieses Konfliktes noch erlebe.

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2012-04/inzestverbot-kommentar/seite-1

http://derstandard.at/1334132387072/Inzest-in-Oesterreich-Verbotene-Liebe-unter-Geschwistern

(Ich danke @Cokoschka für den Link zum 2. Artikel!)

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