-phobie

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Es gibt erstaunlich viele Phobien. Bevor ich angefangen habe, für diesen Artikel zu recherchieren, wusste ich gar nicht, vor wie vielen Dingen man panische Furcht haben kann. Beispielsweise kann man Paruesis bekommen, also Angst, auf öffentlichen Toiletten zu urinieren. Gut, diese Furcht ist teilweise berechtigt, was man weiß, wenn man in der Station einer Wiener U-Bahn schon einmal auf ein öffentliches stilles Örtchen musste. Oder Arachnophobie, die Angst vor Spinnen. Für viele Leute ist das unverständlich, Spinnen sind doch nicht wirklich Tiere, vor denen man sich großartig zu fürchten braucht. Natürlich rede ich jetzt nicht von so großen Spinnen wie Taranteln, die einem schon leicht mulmig werden lassen können. Nein, arachnophobe Menschen haben auch Angst vor sehr kleinen Spinnen. Arachnophobie ist relativ bekannt, anders verhält es sich schon mit Agoraphobie, der Angst vor weiten Räumen. Der oder diejenige, die an Agoraphobie leidet, traut sich nicht hinaus, verspürt Unbehagen, ihm oder ihr wird beinahe schlecht. Das mag Menschen, die nicht an dieser Form von Angststörung leiden, anormal vorkommen, sie mögen sich denken: „Geh bitte, was hat denn der (oder die) schon wieder?“ Vermutlich orten wissenschaftliche Experten auf Stammtischniveau auch gleich wieder einen Trick, um schon früher krankheitsbedingt in Pension gehen zu können.

Apropos Stammtisch. Da gibt es ja noch die Xenophobie. Sie ist weit verbreitet, direkt so weit, dass die Leute, die sie haben, gar nicht wissen, dass sie darunter leiden. Die Angst vor dem Fremden. Eigentlich ist dieser Begriff ja nicht unproblematisch, da „das Fremde“ absolut sozial abhängig und definiert ist. Was als „fremd“ angesehen, empfunden wird, das ist sozial konstruiert. Doch um darüber zu debattieren sind wir nicht hier. Xenophobie ist meines Erachtens nach ein wirklich großes Problem. Denn Symptome wie unreflektierte Angst vor etwas zu haben, das man eigentlich gar nicht kennt, es daher abzulehnen und im schlimmsten Falle zu bekämpfen, sollten in einer Informationsgesellschaft, in der wir heute leben, gar nicht erst aufkommen.

Konkret rede ich von der Xenophobie hier in Österreich, die pauschal auf alle „Ausländer“ gemünzt wird, wobei damit im Allgemeinen eher Türken gemeint sind. Dabei sollte man hier durchaus nicht von Xenophobie reden, sondern eher von „Rassismus“. Ganz auf Lueger-Art wird gesagt „Wer Ausländer ist (Lueger sagte „Jude“), das bestimme ich!“ So wird in Österreich hauptsächlich auf Türken und Kurden und auf Minderheiten aus dem „arabischen Raum“ geschimpft, sie werden diffamiert und für politische Zwecke missbraucht. Dabei wird teilweise gesellschaftlich, teilweise aus der Politik konstruiert, wer Ausländer, wer Türke und wer nicht sein müsse. Darin wurzelt vermutlich auch die Ablehnung der Österreichischen Politischen Szene gegenüber Beitrittsverhandlungen der Europäischen Union mit der Türkei. Aber hier wird sehr viel polemisiert, sehr viel verzerrt und verdreht, ausgelegt, wie man es gerade braucht. Fakten werden da sehr oft bewusst außen vor gelassen. Daher ist es wichtig, sich selbige genauer anzusehen und darüber nachzudenken. Die meisten Menschen hier in Österreich würden wohl sagen, dass ein Beitritt der Türkei zur EU nicht positiv ist. Abgesehen davon ist das Thema in aktuellen politischen Debatten in Österreich so gut wie überhaupt nicht präsent, einzig und allein verschiedene Buchautoren greifen das Thema polemisch auf. Thilo Sarrazin wäre hier ein Beispiel, aber genauso gut Inan Türkmen mit seinem – ironisch zu verstehenden Buch – Wir kommen. Ich denke nicht, dass solche Bücher dazu geeignet sind, eine konstruktive Debatte hervorzurufen, da sie lediglich provozieren und vorhandene, irrationale Ängste verstärken oder gar erst entfachen können. Ein Grund dafür, warum die Debatte in Österreich lieber „vergessen“ wird, ist auch der Mangel an Aktualität, da man „länger nichts mehr davon gehört“ hat, von Beitrittsverhandlungen der Türkei, die oft und oft immer wieder aufgeschoben werden. Warum, ist mir ein Rätsel. Vermutlich hat man Angst, dass soziale Problematiken – die nicht nur durch türkischstämmige Menschen entstehen, sich aber genauso wenig wegleugnen lassen – weiter zunehmen, dass Arbeitsplätze gefährdet würden und man sich „seines Lebens nicht mehr sicher“ sein könnte, sobald die Türkei in die EU aufgenommen wird und eine „Einwanderungswelle“ beginnt. Zugegeben, ich verstehe zwar solche Gefühle, finde sie aber unüberlegt und einfach falsch, kann sie auf keinen Fall gutheißen. Probleme, die wir in Österreich mit „Ausländern“, womit unter dem Großteil der Bevölkerung wohl pauschal „Türken“ gemeint sind, haben, haben wir längst nicht nur mit Türken und längst nicht nur mit allen Menschen, die im Ausland geboren sind oder deren Eltern Migrationshintergrund haben. Deshalb zu sagen, dass die Türkei nicht in die Europäische Union aufgenommen werden sollte, ist lächerlich. Bedenkt man die Ursache dieser Probleme, die vielmehr von unserem sozialen System verursacht werden als von irgendwelchen Herkünften, ist es sogar besser für uns alle, wenn die Türkei so schnell wie möglich beitreten kann. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.

Erstens ist die Türkei ein Wirtschaftsmotor, der einer angeschlagenen Wirtschaft wie der mancher Euroländer nicht allzu schlecht tun wird. (Anbei zwei OECD-Berichte, einer zur Türkei, der andere zu Österreich.) Die oftmals befürchtete „Welle von Türken“, die die „Festung Europa“ „einnehmen“ werde ist schlicht Humbug. Sollte es zu einer starken Migrationsbewegung kommen, wenn die Grenzen offen sind, ist es dann nicht besser Ankara als Partner in einer gemeinsamen Union zu haben als jemanden, der bewusst oftmals vor den Kopf gestoßen wurde und außerhalb der Gemeinschaft steht? Abgesehen davon liegt ja hier die Annahme zugrunde, dass es überhaupt eine starke Migrationsbewegung geben wird. Um das zu verhindern, sofern es nicht gewünscht wird, muss man doch die Ursachen ermitteln. Ein Problem wird nicht gelöst, indem man lediglich die Auftretenden Symptome behandelt, sondern die Gründe dafür aufdeckt und bearbeitet. Die Ursache für Probleme auf Herkunft oder Hautfarbe zu schieben ist rassistisch und darf in einer Gesellschaft wie der unseren schlichtweg nicht vorkommen.

Zweitens ist das zurechtgebogene Argument, dass die Türkei klar außerhalb Europas“ liege bzw. der Islam nicht mit der Europäischen Leitkultur zusammenleben und -arbeiten könne praktisch aus der Luft gegriffen. Vor allem, da die Grenzen des Kontinents willkürlich gezogen wurden und werden, gedachte Linien die Landkarte spalten und Grenzen durchaus veränderbar sind, ist die semantische Begründung durch den Namen „Europäische Union“ gebunden zu sein durchaus das lächerlichste aller Argumente. Abgesehen davon ist der Islam durchaus mit „europäischen“ Werten vereinbar, ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen, dass wir gemeinsame Wurzeln haben und in der Geschichte immer wieder miteinander zu tun hatten – ich rede hier nicht von irgendwelchen Türkenbelagerungen. Ich rede vom maurischen Spanien, dessen Erbe noch heute zu sehen ist. Ich rede von den arabischen Einflüssen auf die wunderbare Stadt Venedig, die heute nicht dieselbe wäre, gäbe es den Islam nicht. Ich rede davon, dass die Türkei in manchen Dingen ein säkulärerer Staat ist als Österreich. Die religiöse Begründung kann ich leider so auch nicht stehen lassen, denn viele Menschen gehen bei uns ebenfalls in Kirchen. Die sogar noch höher sind als Moscheen und eindeutig auffälliger als Synagogen. Viele Menschen sehen im Islam allerdings eine Bedrohung, da sie immer wieder in Zeitungen, und im Internet von islamistischen Anschlägen lesen, im Fernsehen Attentate in den Nachrichten sehen und das alles vielmehr mit der Religion statt mit dem Fundamentalismus in Verbindung bringen. Kurz, sie verwechseln Islamismus mit dem Islam selbst.

Drittens hat die EU mit der Aufnahme der Türkei die einmalige Chance, endlich mehr außenpolitischen Einfluss zu erlangen, da die Türkei in verschiedenen internationalen Politiken eine wichtige Rolle spielt. (z.B. den „Arabischen Frühling“ oder der Nahost-Konflikt.) Mit einem türkischen Mitgliedsstaat wäre eine aktivere EU nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, und vor allem legitimiert. Engagement in verschiedenen Konflikten in Nordafrika wie zum Beispiel in Syrien (das eine Grenze mit der Türkei hat) bieten eine ganz neue Gelegenheit nicht zu unterschätzende Partner, was die Wirtschaft angeht, als auch entschlossene Partner in der Demokratie zu gewinnen.
Es ist klar, wir in Österreich sind es nicht mehr gewohnt, Außenpolitik zu betreiben, da wir auf diplomatischer Bühne seit der Ära Kreisky nicht mehr präsent sind. Es ist also ein kleines Wunder, dass die UNO City immer noch in Wien steht und nicht längst irgendwo anders auf der Welt hin verlegt wurde. Aber wie dem auch sei.

Unglücklicherweise sind viele Wähler nicht besonders weitsichtig, was solche Angelegenheiten betrifft, und die „Volksvertreter“ neigen aufgrund deren Macht am Stimmzettel dazu, es ihnen gleichzutun. So wird Ankara hingehalten und hingehalten, anstatt vernünftig mit Erdogan zu verhandeln. Ewig wird man die Türken nicht hinhalten können und irgendwann wird man sich einer Türkei gegenübersehen, die wirtschaftlich nicht ignorierbar geworden ist und sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, eine gemeinschaftliche Lösung zu suchen. Doch die Argumente gegen einen Beitritt der Türkei sind ebenso verbissen, starrköpfig und dumm wie Forderungen nach einem Austritt Österreichs aus der EU. Sie sind nicht sinnvoll. Natürlich gibt es Probleme, die gelöst, Fragen, die beantwortet, Dinge, die erledigt werden müssen. Die EU ist nicht perfekt, der Mensch ist es auch nicht. Doch beim ersten Anzeichen von Widerstand muss man ja nicht gleich den Kopf in den Sand stecken. Probleme, die man aufgrund einer stärkeren europäischen Integration hat, werden, wenn man den Bund auflöst, nicht verschwinden, im Gegenteil, sie werden noch stärker. Probleme müssen gemeinsam behandelt werden, für eine sinnvolle Lösung.
Natürlich gibt es auch in der Türkei Probleme, die sollen auch nicht unter den Tisch fallen gelassen werden. Der Zypern-Konflikt wird hier ganz gerne als Problem genannt, wenngleich die Lage hier schon wesentlich angespannter war. Auch die Probleme mit der Behandlung von Minderheiten, wie beispielsweise mit Kurden (Wobei z.B. Österreich und Frankreich auch keine Vorzeigestaaten in diesem Punkt sind) oder die offizielle Leugnung des Völkermordes an den Armeniern, sowie Probleme mit der Pressefreiheit (die „Beleidigung der türkischen Nation“ wird unter Strafe gestellt) sind Spannungsfelder, die nicht einfach ignoriert werden dürfen. Doch die Tatsache, dass die EU, sollte die Türkei Vollmitglied werden, auch darauf positiven Einfluss nehmen könnte, soll auch nicht vergessen werden.
Ist es also berechtigt, hier eine Phobie zu entwickeln? Ich denke nicht.

Damit möchte ich mich ganz klar positionieren und mich für einen Beitritt der Türkei zur EU aussprechen. Und um die Kritiker zu beruhigen, der Name „EU“ steht auch nicht in Stein gemeißelt irgendwo auf einer Tafel als elftes Gebot. Namen können geändert werden, was grade die Europäische Union, die zuallererst EGKS hieß, bereits demonstriert hat.

191100281e1t003_OECDTurkey
191100021e1t003_OECDAustria 

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