„Everybody is a minority“

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Heiß und stickig. Diese beiden Adjektive beschreiben den ersten bleibenden Eindruck, den ich von der Podiumsdiskussion „European Muslims – between Religion and State“ hatte, am besten. Organisiert von der University of Copenhagen, der Universität Wien sowie dem Renner-Institut, fand diese Diskussion im Hörsaal C1 auf dem Campus Altes AKH statt. Der ideale Ort für eine Podiumsdiskussion mag er zwar nicht sein, vielmehr wirkt er wie ein ausgeschnittener, innen mit Holz verkleideter Betonblock. Viele Menschen mehr hätte das Klima im Hörsaal nicht erträglicher gemacht, im Gegenteil, trotzdem hat die Mehrheit derjenigen Zuhörer, die gekommen waren, die Diskussion sehr lange ausgehalten. Nicht ohne Grund, die Diskutierenden kamen aus den unterschiedlichsten Ländern Europas. Geleitet wurde diese komplexe Podiumsdiskussion von dem österreichischen Islamexperten Thomas Schmidinger, seines Zeichens Lektor an der Universität Wien.

„Die Diskriminierung von Religionsgruppen in Europa ist rechtlich gedeckt.“

Mit diesen eindringlichen Worten schloss Professor Jørgen S. Nielsen, Lehrender am Centre for European Islamic Thought der University of Copenhagen, seine höchst informative, einleitende Keynote. Die Gleichbehandlung unterschiedlicher Religionsgruppen besitzt längst keine Selbstverständlichkeit, meinte Professor Nielsen, da wäre es ein schöner Zufall, dass die Diskussion (in letzter Minute musste sie noch einmal verschoben werden) genau am hundertsten Jahrestag des Erlasses des sogenannten „Islamgesetzes“ fiel. Dieses Gesetz, noch erlassen zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, verlieh dem sunnitischen Islam legalen Status – womit Österreich-Ungarn eine Vorreiterrolle in Europa einnahm.

London Central Mosque

An diesem Punkt, setzte Oliver Henhapel, ein Mitarbeiter des Kultusamtes, das in das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur integriert ist, seine Argumentation an. Henhapel versuchte aufgrund dieser rechtlichen Basis sowie der historischen Gewachsenheit der Gesetze ebenjene Diskriminierung verschiedener islamischer Glaubensrichtungen in Österreich, wie die der Aleviten, zu rechtfertigen. So wollte und konnte Alev Cakir, eine Mitarbeiterin an der Universität Wien, diese Aussagen nicht stehen lassen: historische Gewordenheit wäre keine angemessene Rechtfertigung für eine solche Diskriminierung von Religionsgemeinschaften. Außerdem, fügte Fr. Cakir, die selbst Alevitin ist, hinzu, gäbe es zwar eine Repräsentationsorganisation für Muslime in Österreich, jedoch repräsentiere diese nur pseudohaft. Die IGGiÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, Anm.) repräsentiere bei Weitem nicht alle Muslime, die hier leben, also baue sich ein Spannungsverhältnis zwischen Religion und Staat auf: solche Institutionen würden nicht als legitime Repräsentationsorganisation wahrgenommen werden. Die Debatte erweiterte Samim Akgönul, Professor an der Université de Strasbourg, um den Aspekt, dass es in unterschiedlichen Ländern einen sehr anderen Zugang zum Thema Islam in öffentlichen Einrichtungen gäbe: in Österreich und Frankreich wäre es ein kultureller Aspekt, in der Türkei wäre eine öffentliche islamische Einrichtung im Justizministerium eingerichtet. Desweiteren wurde angemerkt, dass Religion vom europäischen Staat eigentlich immer als Bedrohung angesehen wurde. Das wäre wohl auch einer der Gründe, warf Ahmet Alibašić, warum in Bosnien, das ein mehrheitlich muslimisches Land ist, noch immer keine vernünftige Lösung für die offizielle Etablierung des Islam gelungen ist. Die Problematik beschrieb er folgendermaßen: „Everybody is a minority in Bosnia.“

Nach weiterem Debattieren über Grundpositionen bleibt nach der spannenden Diskussion allerdings ein schaler Geschmack zurück, denn sowohl in Österreich, als auch ansonsten in der Europäischen Union und in Europa bleibt die Rolle der europäischen Muslime, die oftmals wirklich zwischen Religion und Staat hin- und hergerissen sein müssen, oft allerdings auch in diese Rolle des Dazwischen-Stehens gedrängt werden, bestenfalls ambivalent.

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