Bist du Antisemit?

Auf Twitter wird häufig und intensiv diskutiert. Vor allem dann, wenn sich wieder einmal eine Gelegenheit dazu ergibt, über eine neue Eskalation im Nahost-Konflikt zu streiten. Nicht bloß einmal wird Israel dabei heftig angegriffen. Viele reagieren darauf allerdings etwas irritiert.

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Jemandem Antisemitismus zu unterstellen ist zugegebenermaßen ein starkes Stück. Viele, wenn nicht sogar die Meisten würden darauf mit Empörung und Ablehnung reagieren, diesen Vorwurf von sich weisen und diejenige Person, die sie dessen bezichtigt, wohl wiederum selbst des Irrsinns verdächtigen. Oftmals ist so ein Vorwurf tatsächlich unbegründet, gerade jedoch in Deutschland und Österreich kann man immer wieder auf derartige Vorwürfe treffen. Manchen mögen diese als „Totschlagargument“ erscheinen, denn vor allem dann, wenn man die Politik des Staates Israel kritisiert. Vor allem die Linke will sich das – berechtigterweise – nicht unterstellen lassen, ist man nachweislich links, also nicht rechts und schon gar nicht rechtsextrem, wenngleich Antisemitismus nicht ausschließlich bei rechtsextremen Ideologien fixer Bestandteil ist. Es ist eine sehr enge Grauzone, die sich da auftut. Kritik an der Politik des Staates Israel ist selbstverständlich weder automatisch als Kritik am Judentum aufzufassen, noch muss sie unbedingt rassistisch begründet oder antizionistisch sein. Dennoch kann sie es durchaus sein.

Rechtsextreme heutzutage haben einen sehr großen „Vorteil“: Sie haben immer besser gelernt, ihre Vorurteile und ihre Ideologie zu verstecken und nur andeutungsweise auszudrücken, was sie denn tatsächlich meinen. Anstatt also offen zu sagen, dass der Staat Israel eine Monstrosität für sie darstellt, dass sie alles „jüdische“ (wobei Rechtsextreme natürlich selbst definieren, was als „jüdisch“ angesehen wird, frei nach dem Motto Luegers „Wer Jud‘ ist, bestimme ich“) ablehnen und am liebsten zerstört sehen würden, verbergen sie es hinter (existenziellen) Attacken gegen Israel, was gelegentlich auch nicht unberechtigte Kritik, aber aus den falschen Gründen, miteinschließt. Es geht hier nicht um sachliche Argumente sondern um den Hass gegenüber Juden, der Anlass zur Kritik gibt. Ein etwaiger rassistischer Gedanke, dass das Judentum an biologische Merkmale geknüpft sein müsse, beispielsweise in der Darstellung des „hakennasigen Juden“ widergespiegelt, ist aber für Gesprächspartner keinesfalls auszumachen. In die Gedanken eines anderen zu schauen und darin zu lesen, wie in einem Buch, ist immerhin nach wie vor unmöglich.

Aufgrund der aktuellen Ereignisse (die Operation „Wolkensäule“ im Gazastreifen) bekommt diese Form der Kritik und besonders der Vorwurf, Antisemit zu sein, wieder besondere Aktualität. Allzu gerne und sehr harsch wird Israel verbal attackiert, besonders Premierminister Benjamin Netanyahu, besonders dann, wenn es um die Zahl ziviler Opfer im Gazastreifen geht – aufgrund des Bombardements israelischer Luftstreitkräfte. Eskaliert die Lage im Nahost-Konflikt, kann man davon ausgehen, dass Stimmen auf beiden Seiten laut werden. Sowohl von extrem Rechten als auch von anderen. Die israelische Intervention im Gazastreifen mag ihre Gründe haben. Besonders eingängig war ein Kommentar zu diesem Thema in einem Online-Forum, der leider nicht mehr auffindbar ist. Man müsse sich lediglich vorstellen, wie es wäre, wenn tagtäglich hunderte Raketen von Slowenien aus auf österreichisches Gebiet abgefeuert würden. Ein jeder würde nach Verteidigung rufen.

Iron Dome Intercepts Rockets from the Gaza Strip

Bist du Antisemit, nur weil du Israel kritisierst, die israelische Politik bemängelst? Kritik an israelischer policy impliziert keinen Antisemitismus, nicht einmal umgekehrt. Sie ist immer erlaubt, sofern sie begründet ist. Unterdrückung oder völkerrechtlich zumindest fragwürdige Politik – wie es der Siedlungsbau im Westjordanland eindeutig ist – zu hinterfragen kann nicht mit Unterstellungen beantwortet werden. Weiß man hingegen, dass eine Person (wie es auch bei Günter Grass der Fall war) einen rechtsextremen oder nationalsozialistischen Hintergrund bzw. eine solche Vergangenheit hat, ist das allerdings wieder etwas anderes. Hier noch ein Hinweis für diejenigen, die diesen Text jetzt als Aufforderung verstehen mögen, mit ihren Beanstandungen nicht mehr hinter dem Berg zu halten oder dergleichen: Man muss immer beide Seiten einer Geschichte betrachten. Die Hamas schießen Raketen auf israelisches Territorium, bedrohen israelische Staatsbürger. Wenngleich diese Raketen nicht für Kriegsführung konzipiert sind, sind sie doch tödliche Waffen. Jerusalem hat somit die Pflicht, nicht nur das Recht, auf Selbstverteidigung, es muss seine Bürgerinnen und Bürger schützen. Doch eine Demokratie sollte mit Debatten über fragwürdige Entscheidungen leben können. Israel, der Staat per se, unterstellt allerdings nicht. Oftmals sind es sogar Menschen, die sich selbst als „links“ oder „intellektuell“ verstehen, die besonders politisch korrekt sein wollen und alles verteidigen, was Israel tut. Ähnlich ist es mit Menschen, die gegenüber Islam-Skeptikern alles, was islamisch ist, vehement zu verteidigen, sei es noch so ressentimentgeladen.

Der implizite oder explizite Vorwurf, Antisemit zu sein, ist nicht immer als „Totschlagargument“ zu interpretieren. Aber vielleicht wirkt es im ersten Moment so. Ich weiß leider nicht, was in so einer Situation gesagt oder getan werden kann, um diesen Vorwurf zu entkräften. Wahrscheinlich nicht allzu viel, vermutlich wird er deshalb häufig als Totschlagargument vermutet, da man gegen die Unterstellung einer Ideologie nicht argumentieren kann. Genau das macht dieses Thema so schwierig.

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3 Kommentare

  1. Sehr guter und vor allem feinsinniger Artikel. Das einzig wirklich beschissene daran: Mit dem ‚vererbten‘ Schuldkomplex unserer Großeltern-Generation wird gerade in Bezug auf Israel das Todschlagargument des Antisemitismus der Krösus der Debatten bleiben. Daran ändert sich vielleicht in 100 Jahren was, wenn der Gröfatz so weit weg ist wie das alte Rom.

    Ein klein wenig Satire macht den Menschen manchmal schlauer:
    http://mfis.wordpress.com/2012/11/21/atomkrieg-in-gaza/

    1. Hallo, vielen Dank für deinen Kommentar.

      Den impliziten oder expliziten Vorwurf des Antisemitismus in einer Debatte halte ich zwar nicht immer für eine sinnvolle Argumentation, allerdings ist es eine, die ich nachvollziehen kann. Zumindest dann, wenn man mit Personen wie Heinz-Christian Strache oder Günter Grass, Personen mit einschlägiger Vergangenheit, debattiert.

      Meiner Meinung nach sollte sich am Gebrauch dieses Arguments durch historische Distanz nichts ändern, denn immerhin handelt es sich beim Holocaust um eines der schlimmsten, wenn nicht um das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, manchen muss man das mit Nachdruck ins Gedächtnis rufen. Dieses Argument sorgt mindestens dafür, dass dieses unglaubliche Verbrechen, dieser Völkermord nicht vergessen wird. Wesentlich lieber wäre es mir, es gäbe keine einzige rassistische Ideologie mehr.

  2. Anm.: Was bedeutet Antisemitismus (für mich)?

    Antisemitismus ist eine Form des Rassismus, der sich gegen alles „jüdische“ bzw. all das, was vom Antisemiten als „jüdisch“ empfunden wird, richtet. Diesen gibt es schon lange, neu am Antisemitismus (was auch die Bezeichnung „Rassismus“ erklärt) des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts ist, alles „jüdische“ als „Rasse“ zu konstruieren, es als „Rasse“ zu verstehen und nicht mehr bloß als Religion.

    Damalige Antisemiten verknüpften religiöse Merkmale, körperliche Merkmale und gewisse (unterstellte) Eigenschaften miteinander und schrieben sie „den Juden“ zu. Der heutige Antisemitismus wird vielleicht nicht mehr allzu sehr mit körperlichen Merkmalen in Verbindung gebracht, vielmehr herrscht heute in weiten Kreisen der Gedanke, dass Juden dermaßen mächtig wären, sodass diese die Welt beherrschen würden.

    Antizionismus hingegen ist Opposition gegen den Staat Israel, da man der Auffassung ist, dieser Staat hätte nie existieren dürfen. Dieser kann rassistische Gründe haben, das ist allerdings nicht zwingend.

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