Brauchen wir eine Ganztagsschule?

Streit, Populismus, Blockade. In der österreichischen Bildungsdebatte scheint Nichts weiterzugehen, Fronten zwischen dem Ministerium und der Lehrergewerkschaft sind verhärtet und in Schulen herrscht Besorgnis, die Situation könnte sich zum Schlechteren wenden. Aber brauchen wir in Österreich eine Ganztagsschule überhaupt?

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Ständiger Hickhack. Verfolgt man die aktuell herrschende Bildungsdebatte, könnte dieser Eindruck durchaus entstehen. Kombiniert mit einem Mangel an wirklich informativer Berichterstattung bzw. einem Überangebot an Informationen und „He-said-she-said“-Journalismus herrscht logischer-weise Verwirrung über die „Ganztagsschule“. Verwirrung, die durchaus zu der Frage nach dem Sinn eines Umbaus des Schulsystems führen könnte. Vor allem aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer löst dies vor allem Ablehnung aus. Kein Wunder, erinnert sich noch der eine oder die andere an die Reform des Lehrerdienstrechts unter Ministerin Gehrer, die nicht unbedingt Verbesserungen für das Lehrpersonal gebracht hat.

Die Meinung, Lehrerinnen und Lehrer würden wenig arbeiten, dafür sehr viel bezahlt bekommen und schließlich und endlich aufgrund der Ferien auch einen riesigen Haufen Freizeit haben, ist in Österreich durchaus anzutreffen. Dass das der Unwahrheit entspricht oder die Fakten zumindest enorm verkürzt, soll hier auch noch Erwähnung finden. Die Angst, aufgrund von Populismus wiederum zu mehr Arbeit und weniger oder gleich bleibendem Gehalt verpflichtet zu werden ist also durchaus nicht unberechtigt. Vor allem die Furcht davor, dass das Mehr an Arbeit bedeutet, dass durchaus engagiertes und fachlich kompetentes Lehrpersonal schließlich und endlich dazu abgestellt wird, nicht immer so brave und friedliche Kinder zu betreuen, wie die Ministerin es vielleicht gerne hätte. Diese gesamten Faktoren tragen nicht unbedingt dazu bei, dass die Ganztagsschule mit offenen Armen begrüßt wird.

Ganztagsschule

Genau darum geht es bei einer Ganztagsschule aber nicht, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr arbeiten müssen. Sondern vor allem darum, dass diese einerseits bessere Arbeitsbedingungen erhalten und andererseits die Zeit, die sie zu Hause mit Vorbereitungen verbringen, in der Schule erledigen sollen. Das hätte den Vorteil, dass diese Arbeit, die ja gemacht werden muss, nicht mehr „unsichtbar“ stattfindet, also ins öffentliche Image der Lehrerinnen und Lehrer einfließt.

Abgesehen davon ist es eine Tatsache, die sich nicht leugnen lässt, dass durch die verstärkte Arbeitstätigkeit beider Elternteile deren Kinder nicht von ihnen betreut werden können. Die Schule kann das im Moment allerdings nicht leisten, es fehlt an entsprechenden Möglichkeiten sowohl des Raums als auch an Personal. Lehrerinnen und Lehrer können das in der Ganztagsschule nicht leisten, sollen diese doch die Stunden vorbereiten. Abgesehen davon wage ich zu bezweifeln, dass sie eine dementsprechende Ausbildung genießen, nicht jedenfalls auf einer Universität, denn mehrere Vorlesungen bringen niemandem ernsthaft Pädagogik bei. Das wäre aber notwendig, vor allem dann, wenn eine tägliche nachmittägliche Betreuung aller Kinder notwendig geworden ist. Diese können Lehrerinnen und Lehrer entweder durch eine passende Ausbildung im Pädagogikbereich erhalten, oder aber eigens beschäftigte Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bzw. Psychologinnen und Psychologen übernehmen diese Aufgabe. Fachliche Fragen können von diesen allerdings nicht beantwortet werden, sie können „lediglich“ auf die Kinder aufpassen.

Für diese Anforderungen wäre allerdings eine vollkommen andere Infrastruktur als sie die derzeitigen Schulen bieten, nötig, was bedeutet, dass massive Umbauarbeiten an allen Schulen Österreichs anfällig würden. Lehrerinnen und Lehrer brauchen wesentlich mehr Arbeitsplatz, Schülerinnen und Schüler brauchen Platz um zu lernen, zu spielen, Mittag zu essen, etc. Mit einer solchen Ganztagsschule würden neue Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler entstehen, neue Möglichkeiten der Betreuung und der Bildung. Doch eines stört mich hier noch: Niemand fragt tatsächlich die Schülerinnen und Schüler, was diese eigentlich von solchen Plänen halten. Natürlich müssten sie extern informiert werden, nicht von ihren Lehrerinnen und Lehrern, die nicht vollkommen frei von Eigeninteressen sind.

Die Ganztagsschule ist eine durchaus ambitionierte Reform des Schulsystems, der mit aktuellen Mitteln nicht umsetzbar ist. Es bräuchte eine massive Erhöhung der öffentlichen Finanzierung, das entweder Einsparungen bei Ausgaben oder mehr bzw. höhere Steuern finanzierbar ist. Die Gesamtschule würde einiges verändern, beispielsweise würde die Betreuung komplett verändert. Idealistisch darf aber nicht an die Sache herangegangen werden. Ich bin allerdings nicht optimistisch, dass eine entsprechende Finanzierung sichergestellt wird, bevor die Ganztagsschule gesetzlich verankert wird. Das wäre allerdings ein grober Fehler.

Brauchen wir eine Ganztagsschule? Sie hat durchaus Vorteile, allerdings auch genauso große Nachteile. Ob sie unbedingt notwendig ist, weiß ich nicht. Es ist allerdings ein Vorschlag, wie die Betreuung der Kinder aus-sehen könnte. Etwas, dass andere Parteien, die dieses Schulkonzept hauptsächlich kritisiert haben, bis heute vermissen lassen.

Zum Nachlesen: http://maldungi.wordpress.com/2012/11/26/osterreich-und-die-ganztagsschule/

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