Warum stürmt man eine Botschaft?

Es ist der 11. September 2012. Libysche Demonstrantinnen und Demonstranten sorgen in der Stadt Benghazi für weltweite Schlagzeilen, als sie das US-amerikanische Konsulat stürmen, den Botschafter und zwei seiner Mitarbeiter töten. Scheinbar aufgrund eines Schmähvideos über den Propheten Mohammed. Ich fragte Thomas Schmidinger, Islam-Experte und Lektor an der Universität Wien, nach einer Erklärung für diese Ausschreitungen und die mediale Reaktion auf die Demonstrationen.

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Herr Schmidinger, Sie haben die Berichte und Demonstrationen gegen das Mohammed-Schmähvideo verfolgt. Kennen Sie diesen Film?

Ich kenne den Trailer, der auf YouTube zu finden ist, aber nicht den ganzen Film. Den haben bisher nur ganz wenige Leute gesehen, er wurde bis jetzt, meines Wissens nach, nur ein Mal vorgeführt.

Thomas Schmidinger

Warum stürmt man aufgrund eines solchen Filmes, aufgrund eines solchen Trailers eine Botschaft?

Man muss bei diesen Protesten mehrere Ebenen unterscheiden. Diese Proteste sind nichts, was ad hoc passiert, sondern sind von jeweils lokalen salafitischen Gruppen organisiert worden. Die Gründe dafür sind nicht alleine im Video zu suchen, es gibt auch lokale und regionale Ursachen. Solche Demonstrationen sind auch immer eine Machtdemonstration dieser Organisatoren.

Welche Leute gehen denn aufgrund solch eines Videos auf die Straße?

Einerseits existiert eine islamistische Kerngruppe, die so etwas organisiert, andererseits erreicht man mit so einem Video mehr Menschen. Es ist schwer beleidigend und viele Moslems haben sich dadurch auch angegriffen gefühlt. Insofern ist so ein Film für die Organisatoren der Proteste ein gutes Mobilisierungsinstrument, weil sie dadurch mehr Leute auf die Straße bringen konnten als ihre eigene Klientel. Aber warum Personen sich jeweils mobilisieren lassen, das hat unterschiedliche, individuelle Ursachen, das sind nicht alles nur ideologische Fanatiker.

Warum passiert das gerade in Benghazi, warum in Libyen?

Im Fall Libyens ist es im Moment so, dass ein ziemliches Machtvakuum existiert, die formale Regierung hat wenig realen Einfluss. In Wahrheit gibt es kein staatliches Gewaltmonopol in Libyen, eine anhaltende Instabilität und Konflikte zwischen regionalen Gruppen, teilweise tribal, teilweise regional, teilweise ideologisch basiert. Diese Gruppen haben de facto die Gewalt in den Händen, da sie zu einem Teil aus bewaffneten Einheiten bestehen, die schon während der Revolution oder des Bürgerkrieges gekämpft haben.

In Libyen scheinen die Ausschreitungen auch regionale Ursachen in dem Machtkampf in Benghazi gehabt zu haben. Das war schon vor einem Jahr sichtbar, vor allem zwischen dem relativ säkularen Bürgertum in Benghazi, das auch die Demonstrationen gegen Gaddafi begonnen hat, auf der einen und den bewaffneten Milizen, die nach dem Sturz Gaddafis ihre Waffen nicht wieder abgegeben haben, auf der anderen Seite. Es ist zwar nicht ausreichend geklärt, aber relativ wahrscheinlich, dass aus diesen Milizen heraus der Angriff auf das US-amerikanische Konsulat erfolgt ist und der Botschafter getötet wurde.

Wie hat das Bürgertum von Benghazi auf die Angriffe reagiert?

In der Nacht, als der Angriff auf das US-Konsulat erfolgte, sind diese Menschen relativ schnell gegen die gewalttätigen Djihadisten auf die Straße gegangen. Diese Zivilisten haben auch das Camp der Milizen gestürmt und sie entwaffnet. Das ist ein unglaublich mutiger Akt, der auch ziemlich viel aussagt, wenn die Zivilbevölkerung, die großteils unbewaffnet war, es wagt, ein Camp einer bewaffneten Miliz zu stürmen, diese entwaffnet und ihnen zu verstehen gibt, dass sie damit nicht einverstanden ist. So etwas macht mich wiederum optimistisch, trotz aller Probleme, dass es einfach doch ein Segment in der Bevölkerung gibt, das sich von solchen Gruppen nicht kommandieren lassen will, das explizit gegen den Terror auf die Straße geht. Nicht alle dieser Menschen waren pro-amerikanisch, im Gegenteil, da waren viele dabei, die auch gegen das Video demonstriert, aber gesagt haben, Terror nicht. Wir lassen uns nicht wieder in einen Bürgerkrieg hetzen und wir lassen uns nicht von den Terroristen missbrauchen.

Die Verantwortlichen für diesen Angriff wurden in unterschiedlichen Medien ja sehr verschieden benannt. Zunächst hieß es, es wären die Demonstrantinnen und Demonstranten gewesen, dann, es wäre Al-Qaida – immerhin, es war der elfte Jahrestag von 9/11.

Nach 9/11 wurde Al-Qaida zunehmend zu einem „Label“, das verschiedene Gruppen benutzt haben, die zwar teilweise ideologisch miteinander verbunden waren, die aber organisatorisch größtenteils gar nichts miteinander zu tun hatten, da der Anschlag natürlich ein riesiger Propagandaerfolg war und jede auch noch so lächerliche kleine islamistische Gruppierung, sobald sie sich Al-Qaida genannt hat, damit unglaublich viel gefährlicher war.

Dass man Al-Qaida für diesen Anschlag auf das Konsulat in Benghazi verantwortlich machte, ging meines Wissens nach hauptsächlich von CNN aus.

In den USA haben Journalisten, hat auch die Regierung, Gruppen, die nicht notwendigerweise etwas mit bin Ladens Organisation zu tun hatten, aber ähnliche ideologische oder methodische Ansätze vertraten, sehr schnell als Al-Qaida bezeichnet. Diese Gruppen in Libyen, die aus diesem djihadistisch-salafitischen Bereich kommen, hatten teilweise Kontakte zu Al-Qaida, die meisten dieser Freiwilligen dort haben ja schon in Afghanistan, im Irak, Tschetschenien und Bosnien gekämpft und haben natürlich dementsprechend Verbindungen. Aber diese zentrale Kommandostruktur, wie sie vor 9/11 existiert hat, existierte bereits zu Lebzeiten Osama bin Ladens nicht mehr. Es handelt sich heute eher um eine breite, international agierende Szene, die aber auch über eine Menge innerer Konflikte verfügt, und nicht um eine straff organisierte zentralistische Terrororganisation.

Medien haben bei den Protesten eine erhebliche Rolle gespielt.

Ja, absolut. Ohne zum Beispiel einen salafitischen Fernsehsender, der den Trailer in einer Show gezeigt hat, wäre das bei den Adressaten des Videos gar nicht angekommen und hätte sich auch nicht ausbreiten können. Andererseits ist durch „westliche“ Medien hier der Eindruck entstanden, dass eine Massenbewegung in der islamischen Welt gegen diesen Film auf die Straße gegangen wäre, in Wirklichkeit waren das in den meisten Ländern ein paar Hundert, ein paar Tausend Demonstranten. Im Sudan beispielsweise waren es ungefähr 2900, die dadurch, dass ein paar die deutsche Botschaft gestürmt haben, groß in den Medien waren. Wenn man bedenkt, wie viele Muslime in Khartoum leben…

Dieser Eindruck hat – zumindest zum Teil – eine interessante Debatte losgetreten, zwischen denjenigen, die den Film als aufhetzerisch verbieten möchten und denen, die diesen Film aus Gründen der Meinungsfreiheit auf keinen Fall verbieten lassen wollen.

Da spiegelt sich eine alte Debatte oder eine alte Differenz zwischen dem amerikanischen, teilweise auch angloamerikanischen Begriff von Meinungsfreiheit und dem kontinentaleuropäischen Begriff wider. In den USA hat man ein sehr ausgeprägtes Verständnis von Meinungsfreiheit, die so weit geht, dass dort auch zum Beispiel eine legale nationalsozialistische Partei existiert, zwar ohne jeden Einfluss, aber in den USA darf offen auch nationalsozialistische Propaganda betrieben werden. In Kontinentaleuropa haben wir eine andere Tradition, wo es engere Grenzen von Meinungsfreiheit gibt, in Österreich beispielsweise mit dem NS-Verbotsgesetz. Außerdem existieren in fast allen europäischen Staaten auch Blasphemiegesetze, über die man natürlich geteilter Meinung sein kann, auch das ist eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das Problem ist, dass es natürlich neben der Blasphemie noch die Frage gibt, wo beginnt Verhetzung gegen Minderheiten?

Wäre dieses Mohammed-Schmähvideo ein Film, in dem es um Juden geht, wäre er – zumindest in Deutschland und Österreich – sehr schnell verboten worden, da hätte sich diese Frage gar nicht gestellt.

Es ist auf jeden Fall so, dass antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit wesentlich stärker tabuisiert sind als ähnliche, antiislamische Äußerungen. Man „darf“ sozusagen gegen Muslime noch eher „die Sau rauslassen“ als gegen Juden, salopp gesagt. Ich bin allerdings dagegen, eine Anlassgesetzgebung aufgrund eines solchen Filmes zu machen. Wenn dieser Film tatsächlich in Österreich aufgeführt werden würde – was ich für eine sehr theoretische Frage halte, da er es allein aufgrund seiner Qualität nie in ein reguläres Kinoprogramm schaffen würde – müssten Gerichte nach der bestehenden Gesetzgebung, dem Verhetzungsparagrafen, urteilen, ob dieser Film verhetzend ist.

In Deutschland gab es einen Fall, bei dem die rechtsextreme Partei Pro Deutschland diesen Film in Berlin aufführen lassen wollte. Der deutsche Innenminister, Hans-Peter Friedrich, meinte, er wolle unter allen Umständen verhindern, dass der Film gezeigt werde.

So etwas halte ich für falsch. Ich finde, das müsste nach bestehendem Recht gehandhabt werden. Noch schlimmer als die Aufführung fände ich, das Gesetz zu beugen, um sie zu verbieten. Ich würde mir aber natürlich wünschen, dass der Film nicht aufgeführt wird.

Thomas Schmidinger (38) ist Politikwissenschafter, Kultur- und Sozialanthropologe und lehrt an der Universität Wien sowie der Fachhochschule Vorarlberg. Im Rahmen seiner Forschungen beschäftigt er sich hauptsächlich mit dem türkischen und arabischen Raum.

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3 Kommentare

  1. Vorsicht mit Fotos, die du nicht selber gemacht hast. Da kannst du dir ganz schnell eine teure Unterlassungserklärung oder Schlimmeres einhandeln,
    lg,
    Manuela

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