„Wir leben in feinen Zeiten“

Kaum fünf Minuten vergehen, ohne dass nicht jemand anklopft. Mal brauchen sie Geld oder einen neuen Meldezettel, dieser will etwas, jene will etwas und alle wollen es gleich. In einer Dokumentenablagefläche schläft ihre Katze und alle paar Minuten klingelt das Telefon. Wie sie da ruhig bleiben könne? Ute Bock lächelt nur.

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Frau Bock, Sie haben für Ihre Arbeit das goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich bekommen…

Das darf man nicht zu laut sagen. Weil der Strache will ja, dass ich es zurückgebe. Im Parlament hat er gesagt, er wäre dagegen gewesen, dass ich dieses Haus kriege – ich habe es gekriegt, die Kriminalität im zehnten Bezirk wäre seither gestiegen, es gäbe jeden Tag eine Messerstecherei und Orgien würden hier gefeiert. Ich werde heuer 71, da käme ich ja ins Guinness-Buch der Rekorde.

So eine Behauptung ist ja direkt unglaublich.

Noch unglaublicher ist, dass im Parlament niemand sagt, dass so etwas nicht dorthin gehöre. Wir leben in feinen Zeiten.

Von der „politischen Klasse“ kann man ja in dieser Hinsicht nicht allzu viel Hilfe erwarten. Wie steht es da um die Bevölkerung? Erhalten Sie viel Unterstützung oder sind Angst und Rassismus weit verbreitet?

Ob die Bevölkerung sehr stark rassistisch ist? Na sicher. Ich habe immer gesagt, Österreich ist furchtbar, Wien ist Österreich zum Quadrat und Favoriten ist Österreich zur Dritten. Sie haben ja keine Ahnung, was die Leute aufführen, hier in der Umgebung, nur weil ich da bin.

Wie kann man sich das vorstellen? Was tun sie denn?

Hier gegenüber steht zum Beispiel ein Genossenschaftsbau mit einem Hausvertrauensmann, der sich gegen mich aufbaut. Ich muss dazu sagen, als ich hierher gekommen bin, gab es diesen Bau noch nicht, da war eine Garage und ein Automechaniker. Die Leute, die dann eingezogen sind, wussten genau, dass hier ein Heim ist. Jetzt regen sie sich auf, dass es da ist. Eine Frau hat sogar zu mir gesagt, sie könne ihre Wohnung nicht mehr so teuer weitergeben, weil das Heim eine Wertminderung wäre.

Oder ich kriege gelegentlich von einer Frau, die im ersten Bezirk wohnt, ein Blatt Papier geschickt, auf dem sie Zeitungsausschnitte aus der Kronen Zeitung ausgeschnitten und aufgeklebt hat. Das sind Artikel wie über einen Tschetschenen, der beim Billa eine Wurstsemmel gestohlen hat oder wenn jemand von einem Ausländer verdroschen worden ist. Die hat sie aufgeklebt und darüber hat sie geschrieben Verein Ute Bock. Ja hat die nichts anderes zu tun?

Das sind ja sehr negative Eindrücke und Erfahrungen. Werden Sie auch unterstützt?

Natürlich, da gibt es wahnsinnig viele Leute. Für mich ist die finanzielle Unterstützung zum Beispiel ganz wichtig, weil ich viele Dinge zahlen muss, die der Staat nicht zahlt. Zum Beispiel Studiengebühren, damit die Flüchtlinge studieren können, ich muss zahlen, was die Kinder in der Schule brauchen – wer Kinder hat, weiß, was das kostet. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man sie nicht ausschließt. Diese Geschichte, warum die Türken sich so „zusammenrotten“ und nichts mit der Bevölkerung zu tun haben? Das ist unsere Schuld. Die werden in der Schule schon wie Menschen zweiter Klasse behandelt und das will ich nicht. Weil: Wir haben einen Lehrausgang, er kann nicht mitgehen, weil er kann den Eintritt dort nicht zahlen. Wir fahren auf Schikurs, er kann nicht mitfahren, weil er kann das nicht zahlen. Wir fahren auf Schullandwoche, er kann nicht mitfahren, weil das kostet Geld. Man grenzt sie aus, erzieht sie zu Menschen zweiter Klasse – und dann rotten sie sich eben am Reumannplatz zusammen und spielen den Starken.

Spielt das tatsächlich so eine große Rolle?

Sicher. Kinder sind grauslich. Die sagen nicht, der ist so arm, der kann nicht mitfahren, sondern der Trottel kann nicht mitfahren, weil er es nicht zahlen kann. Deswegen halte ich das für sehr wichtig, darum mache ich das auch. Ich zahle so und so viele Vorstudienlährgänge, weil ich glaube, dass man ihnen eine Chance geben muss.

Das ist sicher das Wichtigste.

Auf jeden Fall. Und es ist nicht so, dass alle nur daherkommen weil sie uns ausnutzen wollen. Viele sagen zu mir, wenn es zum Beispiel im Kosovo ein bisschen besser wird, gehen sie nach Hause. Natürlich, das ist ja ganz klar.

Viele Asylwerber wollen aber wahrscheinlich auch hierbleiben. Da erinnere ich mich an den Fall Bakary J. Fälle wie dieser zeichnen ja ein besonders brutales Bild der österreichischen Polizei.

Die Polizei hat sich sehr gebessert. Als die ersten Afrikaner hier eintrafen – das war 1997 – war die Polizei sehr gegen diese aufgestellt. Die sind raus auf die Straße, sind hier vorbeigefahren, die Polizisten haben sie an die Wand gestellt und bis auf die Unterhose ausgezogen und durchsucht und solche Dinge. Heute ist das ganz anders. Zwar gibt es sicher in jeder Wachstube jemanden, der gegen die Fremden aufgestellt ist, aber das Gros ist es nicht.

Tatsächlich?

Ich habe auch schon erlebt, dass die Polizei gekommen ist und eine Frau und ihre Kinder verhaften wollten um sie abzuschieben. Das war furchtbar, ein Kind ist zu mir gekommen und hat gesagt „Mama, Mama, die Polizei ist da.“ Also bin ich hinaufgegangen, drei Polizisten wollten die Familie mitnehmen. Dass der Mann im Spital war, wollten sie erst überprüfen. Das war eine sehr angespannte Situation. Das kleine Mädchen ist beim Fenster gesessen und hat sich die Augen ausgeheult und die Mutter hat mich so komisch angeschaut, ich hab tatsächlich geglaubt, gleich würde sie mit dem Kind aus dem Fenster springen. Jedenfalls sind sie wieder abgezogen und ich habe danach die Verständigung bekommen, dass die Familie momentan nicht abgeschoben wird. Am nächsten Tag sind sie wiedergekommen, um halb elf in der Nacht, nur um eine Vorladung zu übergeben. Die Frau konnte die ganze Nacht nicht mehr schlafen vor Schreck.

Wann und wie hat sich ihr soziales Engagement entwickelt?

Gar nicht. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht und bin dann aufs Arbeitsamt gegangen, die hatten keine Arbeit für mich. Mein Vater wollte, weil er selbstständig war und unter Geldnöten gelitten hat, dass seine Kinder bei irgendeiner staatlichen Stelle oder der Gemeinde zu arbeiten anfangen, weil das eine sichere Arbeit ist. Ich bin also zur Gemeinde Wien gegangen und habe eine Stelle in der Erzieherei bekommen – sieben Jahre habe ich dann in Biedermannsdorf als Erzieherin gearbeitet und als das Heim hier in der Zohmanngasse gebaut wurde, bin ich Heimleiterin geworden und war es bis zu meiner Pensionierung.

Was bedeutet denn Heimat für Sie? Würden Sie Ihre Heimat verlassen?

Ich bin aus Oberösterreich, also ja. Das ist ja schon fast Ausland jetzt. (lacht) Nach langen Jahren war ich zum ersten Mal wieder dort, als mein Schwager diesen Film gedreht hat, das war schon ein sehr komisches Gefühl.

Wann sind Sie von dort weggegangen?

Ich war sehr klein, die erste Klasse Volksschule habe ich noch dort besucht.

Dann sind Sie nach Wien übersiedelt?

Ja, genau. In Oberösterreich, das war ein Haus mit Garten und einem Stall, wir haben Hühner und Hasen gehabt und eine Ziege – sehr zum Ärger meines Vaters. Bei uns im Haus haben drei Parteien gewohnt, eine alte Frau war unten im Erdgeschoss, die die Ziege einmal angebunden hat, woraufhin sich die beinahe aufgehängt hätte. Das wollte sie doch nicht und daraufhin stand die Ziege auf einmal bei uns oben im dritten Stock.

Das Interview führten Jasmin Schöllbauer und Raphael J. Spötta

Spendenkonto Flüchtlingsprojekt Ute Bock:

Hypo Bank Tirol
BLZ: 57 000
Kto. Nr.: 52011017499
IBAN: AT625700052011017499
BIC: HYPTAT22

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