Malistan

Der aktuelle Konflikt in Mali scheint dem in Afghanistan auf den ersten Blick mehr als nur ähnlich zu sein. Ebenso scheint ein langfristiger Militäreinsatz in dem westafrikanischen Land notwendig. Wird Mali zu einem zweiten Afghanistan?

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Jänner 2013. François Hollande kündigt an, die malische Regierung in Bamako bei der Zurückdrängung islamistischer Rebellen und der Rückeroberung des Azawad, einer Region im Norden des Landes, zu unterstützen. Vier Monate später, nach dem erfolgreichen Einsatz einer internationalen Kampftruppe unter U.N.-Mandat, spricht man in Europa immer offener über den Rückzug. Die Lage im Süden ist weitgehend stabil, im Norden verüben Ansar Dine und andere islamistische Gruppierungen Selbstmordanschläge und versuchen, die internationalen Truppen in Kämpfe zu verwickeln.

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Djinguereber in Timbuktu“ von upyernoz from Haverford, USA – Djinguereber Mosque, Timbuktu. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.

Auf den ersten Blick scheinen diese Situationen, im Sahel und am Hindukusch, mehr als bloß ähnlich zu sein. Die Parallelen zwischen den beiden Einsätzen wirken tatsächlich deutlich, ihre Ursachen und ihre Wirkungen liegen allerdings ganz woanders.

Geopolitische Relevanz

Afghanistan ist ein Gebiet von weltpolitischer Bedeutung. Aufgrund seiner geografischen Lage dient es als Keil zwischen verschiedenen Einflusssphären; im Süden und Osten liegen die konkurrierenden Staaten Pakistan und Indien, im Westen Iran und Irak, nordöstlich der Hauptstadt Kabul teilt sich China mit Afghanistan eine Grenze und nördlich beginnt die russische Einflusssphäre mit Turkmenistan, Usbekistan und Tadjikistan. All diese Staaten wetteifern aus den unterschiedlichsten Gründen miteinander. Die genauen Gründe können hier nicht erläutert werden, das würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. (Ich kann allerdings Interessierten das Werk Kleine Geschichte Afghanistans der Beck‘schen Reihe von Conrad Schetter empfehlen.) Ein Abzug der Vereinigten Staaten aus Afghanistan gilt als wahrscheinlich bzw. ist schon geplant. Beobachter rechnen allerdings mit einem Bürgerkrieg zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban, sobald der Abzug erfolgt ist.

Mali hingegen mag zwar von regionalpolitischer Relevanz sein, jedoch nicht von geopolitischer. Afrika ist für Europa bedauerlicherweise nur so weit von Relevanz, wie die afrikanischen Staaten versuchen, Flüchtlinge davon abhalten, in den EU-Raum zu kommen. Dass Frankreich in Mali intervenierte, hängt einerseits von der Natur der Rebellen im Azawad ab, andererseits von der innenpolitischen Situation François Hollandes. Wären es keine islamistischen Gruppen gewesen, die medienwirksam Weltkulturerbe zerstört hätten, bezweifle ich, dass auch nur ein europäisches Land den Finger gerührt hätte, um in den Konflikt einzugreifen. Zu dem kommt, dass Hollande in Frankreich auf einem Tief der Beliebtheit angelangt ist und versuchen muss, Sympathiepunkte zu sammeln. Das versuchte er, mit einem starken Auftreten in der Mali-Krise zu erreichen.

Konfliktparteien

Die Tuareg sind eine Bevölkerungsgruppe im Norden Malis. Sie kämpften jahrzehnte- und jahrhundertelang um die völkerrechtliche Anerkennung und somit für das Recht auf einen eigenen Staat. Dem zuwider lief die Aufteilung ihres hauptsächlichen Siedlungsgebietes zwischen den 1960 von der Kolonialherrschaft unabhängig gewordenen Staaten Mali, Niger und Algerien. In den 1990er Jahren führten die Tuareg in Mali einen Aufstand gegen die sie unterdrückende Regierung in Bamako, der mit einem Friedensvertrag beendet wurde. Territoriale Konzessionen oder gar einen eigenen Staat erhielten sie nicht. Im libyschen Bürgerkrieg kämpften unter anderem Tuareg-Söldner für Muammar Gaddafi, die Waffen, die hier zum Einsatz kamen, wurden größtenteils nach dessen Ende nicht wieder abgegeben, wie der Politikwissenschafter Thomas Schmidinger im Interview erklärt.

Das stellt eine fundamentale Differenz zum Krieg in Afghanistan dar. Die Tuareg sind mit keiner der afghanischen Gruppen, die im Moment in einem Konflikt miteinander stehen, vergleichbar. Die aktuelle afghanische Regierung, gebildet von der (ehemaligen) Nordallianz und unterstützt von der ISAF sowie die oppositionellen Taliban sind theoretisch mit der Regierung in Mali, den islamistischen Gruppen wie Ansar Dine und der internationalen Eingreiftruppe zu vergleichen. Die einzelnen Organisationsstrukturen und die Dauer der Konflikte unterscheiden sich natürlich. Dennoch gibt es in Afghanistan keine Gruppe, die tatsächlich ähnliche Interessen wie die Tuareg hätte. Diese wollen einen eigenen Staat – den Azawad. In Afghanistan erheben sowohl die Regierung in Kabul als auch die Taliban Anspruch auf das gesamte Staatsgebiet, in beiden Fällen wäre allerdings eine Einigung auf dem Verhandlungsweg nicht ausgeschlossen, eine Teilung (wenn auch keine formale Teilung) des Territoriums in föderale Gebiete wäre theoretisch eine Lösung.

Zwar widerspricht es den Interessen der Regierung in Bamako, den Tuareg einen eigenen Staat zu geben (vor allem aufgrund der territorialen Einbußen), den Interessen der EU widerspricht das aufgrund der potenziellen Gefahr durch islamistische Terroristen.

Die Interessen der Tuareg im Bezug auf einen eigenen Staat sind allerdings bei einem Abzug der Franzosen von essentieller Bedeutung. Kooperation gegen die islamistischen Gruppen läge sowohl in ihrem Interesse als auch im Interesse Bamakos und Brüssels. Eine dauernde französische Präsenz in Mali würde tatsächlich zu einer Situation, derer in Afghanistan ähnlich, führen. Eine Verständigung zwischen Bamako und den Tuareg, genauer gesagt der MNLA, könnte allerdings dagegen Abhilfe schaffen. Gemeinsam könnte Ansar Dine möglicherweise wirksam bekämpft werden. Dafür sind allerdings Verhandlungen und die Bereitschaft zu Kompromissen erforderlich, die die EU unterstützen sollte.

Das ist ein weiterer wesentlicher Unterschied: Die Verhandlungsmöglichkeiten der involvierten Parteien sind offener und weiter gestreut als die der Parteien in Afghanistan.

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