Europa und die Wurzel aller Probleme

Migration nach Europa hat Gründe. Diese sind aber nicht nur außerhalb des europäischen Kontinents zu suchen.

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Die 196 Toten des Schiffsunglücks von Lampedusa am 3. Oktober haben in der europäischen Politik und in überregionalen Medien eine große Debatte über die Flüchtlingspolitik der EU ausgelöst. Heute, am 7. Oktober 2013, erschien in den Salzburger Nachrichten ein Artikel zu eben dieser Thematik. Dessen Titel: Ursachen der Migration an der Wurzel packen. Mit diesem Artikel setzt sein Autor, Wolfgang Drechsler, dort an, wo die europäische Politik oftmals ansetzt, wo sie Gründe für die sich im Mittelmeer ereignenden Katastrophen sucht. Wenn Europa nicht wolle, dass so viele Migranten aus Afrika überhaupt erst vor die Küsten der Union kommen, so müsse Druck auf die afrikanischen Eliten ausgeübt werden – nur so könne die Einwanderungswelle nach Europa gestoppt werden.

Zumeist wird die ökonomische Situation in verschiedenen afrikanischen Staaten als Grund dafür angegeben, dass Menschen überhaupt aus diesen Staaten fliehen. Das ist sicherlich richtig, ebenfalls richtig wird in besagtem Artikel die Flucht vor repressiven Diktaturen angeführt. Dem grundsätzlichen Ansinnen, dass Europa solche repressiven Diktaturen und ausbeuterische und korrupte Eliten in afrikanischen Staaten nicht unterstützen, wie es beispielsweise Frankreich mit dem tunesischen Diktator Ben Ali getan hatte, sondern bekämpfen sollte. Damit endet allerdings die richtige Argumentation Hrn. Drechslers in diesem Artikel.

Wolfgang Drechsler sucht, wie regelmäßig andere europäische Medien, die Gründe für Migration in die EU hauptsächlich in außereuropäischer Politik. Doch es sind nicht nur die schlecht regierten Staaten Afrikas und des Nahen Ostens, die in die Verantwortung zu nehmen sind, wie es der Artikel Hrn. Drechslers nicht bloß andeutet, sondern vielmehr explizit sagt. Europäische Politik trägt eine wesentliche Mitschuld daran, dass Menschen sich dazu gezwungen sehen, auf die Flucht zu gehen: Nicht nur korrupte Eliten sind für die schlechte ökonomische Situation vieler afrikanischer Staaten verantwortlich. Beispielsweise zerstört die Europäische Union selbst mit ihrer hochsubventionierten und technisch vollkommen überlegenen Landwirtschaft regionale Absatzmärkte, da es sich die europäischen Bauern leisten können, billig nach Afrika zu exportieren. So billig, dass es sich für afrikanische Bauern nicht lohnt, selbst zu produzieren und zu verkaufen. Europäische Agrarprodukte sind keine Konkurrenz.

Ein weiteres Negativbeispiel für europäische Politik abseits von FRONTEX besteht im Verkauf von Kleidung europäischer Vereine an der Nordküste Afrikas. Beispielsweise die Caritas, die Altkleider in ihren mittlerweile berühmten Containern sammelt und billig beispielsweise in Tunesien verkauft, zerstört ebenfalls lokale Produktionsformen. Ein weiteres Beispiel: Der Rohstoffhunger europäischer und US-amerikanischer Unternehmen aus der Elektronikbranche. Es gab vor ein paar Jahren noch auf dem Planeten kein einziges elektronisches Gerät, das nicht Rohstoffe (konkret: Metalle) aus dem Kongo enthielt. Um die Preise niedrig zu halten, wird der Krieg im Kongo, einer der blutigsten der afrikanischen Geschichte, weiter am Laufen gehalten.

So viel zur europäischen Flüchtlingspolitik, die das Problem an der Wurzel packen soll, um die Krankheiten afrikanischer und nahöstlicher Staaten zu heilen. Womit wir bei einem Punkt wären, der beinahe noch stärker zu kritisieren ist, als der eurozentristische und somit verzerrte Blick auf die Probleme verschiedener Staaten Afrikas. Einerseits erweckt bereits der Ausdruck Krankheiten den Eindruck, es handele sich bei den entsprechenden Staaten um Körper, von diesem Punkt ist es nicht mehr weit zur Bezeichnung Volkskörper. Der Punkt ist: Staaten und Gesellschaften sind keine Körper, was Rechtsextremisten und Rassisten oftmals vergessen. Einer solchen Rhetorik sollte man sich strengstens verwahren. Außerdem entsteht der Eindruck, dass Wolfgang Drechsler die Vielfalt der insgesamt 54 afrikanischen Staaten verkennt. Die Probleme Nigerias beispielsweise müssen nicht die Probleme Somalias, des Kongo, Rwandas oder Südafrikas sein.

Wirklich detailliert auf Probleme einzugehen ist in einem kurzen Kommentar wirklich schwer. Doch sollte man nicht rassistische Begriffe verwenden, keine Klischees bemühen und Probleme, die oftmals viele verschiedene Ursachen haben, auch differenziert betrachten. Abgesehen davon, dass man seine eurozentristische Perspektive grundsätzlich hinterfragen sollte.

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