Bruchlinien im Arabischen Raum

In den Staaten des Arabischen Frühlings zeichnen sich zunehmend deutlich Bruchlinien zwischen Islamisten, Säkularen und Vertretern der alten Regime ab. Diese verdecken andere, kleinere Konflikte.

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Ein Text, der sich mit verschiedenen Gruppen und Akteuren in den postrevolutionären Staaten des arabischen Raums beschäftigt, kann eigentlich von der Länge her nur ausarten. Dieses Thema ist dermaßen komplex, dass es westlichen Medien oftmals einfach nicht möglich ist, in dem Umfang, der diesem Thema eigentlich gebühren würde, darüber zu berichten. Manchmal ist das Thema auch einfach nicht aktuell genug, oder es wird der Einfachheit halber von Islamisten oder vielleicht auch Salafisten gesprochen, die in einer Dichotomie mit den anderen, Säkularen, stehen würden. Manchmal wird auch insofern vereinfacht, als von manchen Konflikten gesprochen wird, als wären diese ausschließlich konfessionell motiviert.

Zwar spielt das Thema Religion in vielen arabischen Staaten bis zu einem gewissen Grad sehr wohl eine Rolle, doch liegen die Konfliktherde schlicht woanders, es sind politische Konflikte. Zum Beispiel ist der Syrische Bürgerkrieg kein in erster Linie religiöser Konflikt, kein Kampf auf Leben und Tod zwischen Schiiten und Sunniten, sondern ein Aufstand gegen ein diktatorisches Regime. Auch hier wird wieder stark vereinfacht: Alleine die schiitisch-sunnitische Spaltung und später der interislamische Konflikt könnte ganze Bücher füllen. Nur um die Komplexität des Themas vollends zu verdeutlichen und die Verwirrung zu komplettieren, sei hier erwähnt, dass es nicht nur Schiiten und Sunniten, sondern auch Ismailiten, Ibaditen, Drusen und viele weitere islamische Glaubensströmungen mehr gibt. Diese konfessionellen Spaltungen hier darzustellen erscheint mir nicht sehr sinnvoll, vielleicht, wenn ich sehr viel Zeit und Muße habe, tue ich das einmal an anderer Stelle. Aber hier widme ich mich jetzt den hauptsächlichen Bruchlinien in den postrevolutionären Gesellschaften, auf die man zwangsläufig stößt, wenn man sich mit den Ereignissen seit dem Jahr 2011 beschäftigt.

Die erste, überdeutliche Bruchlinie zeichnet sich ab, wenn man die Aufstände gegen die alten Regime betrachtet. Diese Spaltung ist so evident, sie bedarf eigentlich kaum einer Erwähnung, die Dichotomie zwischen Regime und Protestbewegung. Heute macht sich dieser Konflikt hauptsächlich in Syrien, aber ein Stück weit auch in Ägypten und Tunesien bemerkbar. Denn während in Syrien der Bürgerkrieg ausgetragen wird, sind die Überbleibsel des Mubarak- bzw. Ben-Ali-Regimes (fulul) in Ägypten und Tunesien hauptsächlich im Hintergrund aktiv, sie werden für viele Dinge verantwortlich gemacht. Ein Beispiel: Es ist erwiesen, dass es in Ägypten unter Mursi mehr Stromausfälle gab als unter Mubarak. Der Narrativ, der hier bemüht wurde, war, dass die fulul mit Sabotageaktionen dafür verantwortlich zu machen seien.

Die Opposition gegen die Regimekräfte ist allerdings nicht so geschlossen und eindeutig, wie man glauben möchte. Zwar galt für die Zeit der Proteste das Motto Der Feind meines Feindes ist mein Freund, doch allzu bald wurden auch hier – und zwar vor allem im Syrischen Bürgerkrieg – Bruchlinien in der Opposition, genauer gesagt, zwischen Säkularen und Islamisten sichtbar. Besonders interessant ist diese Tatsache, wenn die Frage nach der westlichen internationalen Politik bezüglich dem Syrischen Bürgerkrieg auftaucht. Sollten die USA oder Großbritannien Waffen nach Syrien liefern? Wenn ja, an wen? Ein spannender Artikel dazu findet sich auf qantara.de.

Genau hier liegt aber das Problem: Die Fixierung auf ohnehin sehr deutliche Bruchlinien in den postrevolutionären Gesellschaften Ägyptens, Libyens und Tunesiens schränkt den medialen Blick auf andere, (kleinere) Konflikte ein. Wer beispielsweise wüsste nach dem Lesen westlicher Zeitungen, dass es auch radikal-islamische, quietistische, nicht-politische Salafisten gibt? Oder als konkreteres Beispiel Ägypten: Eine sehr starke Bruchlinie verläuft gerade zwischen den Muslimbrüdern, den Militärs und den säkularen Linken – es gibt aber unter den Militärs verschiedene ideologische Strömungen, General as-Sisi beispielsweise ist überzeugter Nasserist. Dass es unter Säkularen auch konservativ-islamische Personen geben kann, ist wohl evident.

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