Tod auf Bestellung

Aktive Sterbehilfe ist in Österreich verboten, darüber sind sich alle Parteien einig. Nichtsdestotrotz besteht offenbar Diskussionsbedarf.

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Wie bei jedem umstrittenen Thema war es auch in diesem Fall nur eine Frage der Zeit, bis sich die Debatte um die Legalisierung aktiver Sterbehilfe an einem konkreten Fall neu entzünden würde. Im Februar 2014 lieferte das belgische Parlament mit der Abschaffung der Altersuntergrenze für Sterbehilfe den entsprechenden Impuls. Trotz einer breiten gesellschaftlichen Debatte beruhte das Verbot der Sterbehilfe in Österreich auf einem parteiübergreifenden Konsens. ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg forderte sogar, die entsprechende Rechtsnorm zu einem Verfassungsgesetz zu machen. Praktische Konsequenzen wären daraus wohl kaum erwachsen, wenngleich diese Maßnahme symbolischen Charakter hätte. Ob sich eine ⅔-Mehrheit im Nationalrat dafür findet, sei einmal dahingestellt. Viel interessanter ist doch die Frage, was für eine Legalisierung von Sterbehilfe spricht und was dieser widerspricht.

Ein Hoch auf die Selbstbestimmtheit

Das klassische Argument von Befürwortern der Legalisierung ist das Recht auf Selbstbestimmtheit von Menschen über ihr eigenes Leben und damit auch über ihren Tod. Das ist allerdings ein verzerrendes Argument, denn es geht direkt an der eigentlichen Debatte vorbei. Das Verbot aktiver Sterbehilfe bedeutet nicht, dass Menschen nicht Selbstmord begehen dürften, wer sollte es ihnen auch verbieten? Es bedeutet, dass Selbstmord weder aktiv unterstützt noch dabei assistiert werden darf. Die Selbstbestimmtheit des Menschen würde also nur eingeschränkt, wenn es sehr schwer oder unmöglich für diesen ist, beispielsweise im Falle einer schweren Erkrankung oder einer körperlichen Einschränkung, Suizid zu verüben. In diesem Fall zeigt das Verbot der Sterbehilfe deutlich seinen Zwangscharakter, trotz ihres Todeswunsches müsste die betroffene Person weiterleben.

Dadurch kommt man in ein ethisch-moralisches Dilemma. Einerseits möchte man jemandem, möglicherweise einem Verwandten oder einem Patienten, im Falle einer schmerzhaften Krankheit unnötiges Leid ersparen, andererseits ist die Tötung eines Menschen nichts, das man auf die leichte Schulter nimmt. Zudem besteht noch von anderer Seite her Konfliktpotenzial: Was ist eine Krankheit und ab wann ist es soweit, dass man dem Wunsch eines Patienten nach Hilfe beim Selbstmord nachgeben kann? Ein Beispiel: Ich selbst könnte den Todeswunsch einer Person mit Locked-in-Syndrom gut verstehen, vielleicht hätte ich diesen Wunsch in dieser Situation ebenfalls. Dafür wäre Sterbehilfe absolut notwendig. Aber was unterscheidet jetzt das Locked-in-Syndrom (abgesehen von den Symptomen) von einer nicht-tödlichen psychischen Krankheit, die ebenfalls dazu führt, dass sich Patienten den Tod wünschen, beispielsweise einer Depression? Ist die Behandelbarkeit ein Argument? Wenn ja – Krebs oder AIDS sind in vielen Fällen (natürlich nur bis zu einem gewissen Grad) ebenfalls therapier- und kontrollierbar.

Wie eben gezeigt, sind nicht nur philosophisch-moralische Konsequenzen, sondern auch juristische Konsequenzen weitreichend, legalisiert man die Sterbehilfe. Rechtsunsicherheit ist hier ein besonderer Faktor, auf den es zu achten gilt. Assistiert beispielsweise ein Arzt jemandem bei seinem Suizid und beruft sich auf das Recht, aktive Sterbehilfe zu leisten, kann dies dann von Angehörigen angefochten werden? Das hängt von der Formulierung des Gesetzes ab und dem, was es abdeckt. Dazu muss genau definiert werden, was Sterbehilfe umfasst, wo die Grenzen zum Mord (§75, österr. StGB) gezogen werden und welche Fälle bestraft werden müssen. Dabei besteht aber immer noch die Möglichkeit, dass der Gesetzgeber fehler macht, ungenaue Formulierungen könnten zu Lücken führen oder dazu, dass das Gesetz leicht missbraucht wird.

Notwendigkeit?

Was sind Faktoren, die die Entscheidung, Suizid verüben zu wollen, beeinflussen? Warum glaubt jemand, Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu müssen? Halten die Patienten manche Krankheiten für Todesurteile, sind sie ökonomisch nicht dazu in der Lage, sich einen Platz in einem Pflegeheim zu leisten, oder vermittelt die Gesellschaft diesen Menschen den Eindruck, sie seien nicht mehr erwerbs- bzw. arbeitsfähig und damit nichts mehr wert? Es beginnt damit, dass mir persönlich eine Differenzierung zwischen Personen, die aktive Sterbehilfe erhalten sollten und die sie nicht erhalten sollten, auf Basis einer (behandelbaren) Krankheit oder des Alters zwar grundsätzlich sinnvoll erscheint, aber Legitimationsschwierigkeiten (wie oben bereits erwähnt) impliziert. Wenn der Wunsch eines Patienten besteht, zu sterben und aktive Sterbehilfe zu brauchen, sollte in jedem Fall zunächst versucht werden zu klären, ob es Alternativen gibt.

Angesichts mancher Faktoren ist das simple Verbot der aktiven Sterbehilfe – ob im Verfassungsrang oder nicht – viel zu kurz gegriffen. Es ist fast schon unmoralisch, diese einfach zu verbieten und dann nicht dafür zu sorgen, dass beispielsweise die Pflege in einem Pflegeheim auch leistbar ist und bleibt. Es ist also die aktive Sterbehilfe ein Symptom, wenn man so will. Es reicht nicht, dieses Symptom zu bekämpfen, sondern zu überlegen, welche gesellschaftlichen und ökonomischen Faktoren für Menschen, die Suizid begehen wollen, gelten und diese dann entsprechend zu beeinflussen.

Konsequenzen

Es zeigt sich also, dass die Entscheidung, das eigene Leben zu beenden, nicht nur medizinisch, sondern auch sozial/ökonomisch begründet sein kann. Lassen sich diese Positionen voneinander trennen? Ich denke, dass das fast unmöglich ist. Die soziale und ökonomische Situation wirkt ebenso auf jemanden ein wie die medizinische Situation, dennoch scheint es mir in manchen Situationen schlichtweg humaner, Menschen in Würde ihr Leben so beenden zu lassen, wie sie es für richtig erachten. Dabei ist allerdings immer noch eine Problematik ausgeklammert: Komapatienten, die keine Chance mehr haben, aufzuwachen und keine Vorkehrungen getroffen haben, können nicht mehr gefragt werden. Wo liegt der Sinn darin, jemanden zwanghaft am Leben zu halten, wenn er oder sie dieses Leben nicht führen kann? Sollte man die Entscheidung darüber nicht Verwandten überlassen?

Dennoch: Vor dem historischen Kontext der verbrecherischen nationalsozialistischen Euthanasie von Kindern sowohl in Österreich als auch in Deutschland, sind Vorbehalte gegen dieses Thema auch auf politischer Ebene verständlich. Auch ist es angesichts des hippokratischen Eids (bzw. der Genfer Deklaration des Weltärztebundes), den Medizinern nicht ohne weiteres möglich, von einen Tag auf den anderen plötzlich aktiv Sterbehilfe zu leisten. Überdies scheint eine Legalisierung der Sterbehilfe in Österreich weit entfernt. Wollen Menschen diese trotzdem in Anspruch nehmen, spielt ihre ökonomische Situation wiederum eine wichtige Rolle. Sie müssen es sich leisten können, in die Schweiz oder nach Belgien zu fahren.

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