Es geht nicht um Prag

Gelingt Umberto Eco mit seinem sechsten Buch ein großer Erfolg oder ist es die Mühe gar nicht erst wert, es zu lesen?

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Der alte jüdische Friedhof in Prag ist wirklich schön – soweit ein Friedhof so etwas wie Schönheit besitzen kann. Insofern ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Schriftsteller diesem besonderen Ort ein literarisches Denkmal zu setzen versucht. Der sechste Roman von Umberto Eco, in der ersten Auflage bereits 2011 erschienen, hat trotz des Titels Der Friedhof in Prag nicht diesen Sinn und Zweck, was sich Leserinnen und Leser, die sich nicht bereits zuvor über das Buch informiert haben, während sie lesen, mit allmählich größer werdendem Desinteresse fragen lässt, wann sich die Handlung endlich nach Prag oder überhaupt in die Tschechische Republik verlagert.

Das ist bis zum Ende hin nicht der Fall, denn es geht in diesem Buch nicht um die Goldene Stadt. Von kürzeren Handlungsabschnitten abgesehen, die in Italien und auch in Deutschland spielen, ist das Paris des Fin de Siècle der zentrale Schauplatz von Der Friedhof in Prag. Simon Simonini, ein Dokumentenfälscher und Antisemit, versucht, mit Tagebucheinträgen (frei nach dem Rat Sigmund Freuds) nachzuvollziehen, wie es zu seinem Gedächtnisverlust kommen konnte. Unterbrochen, aber auch unterstützt von seinem Alter Ego, dem Abbé Dalla Piccola, arbeitet der an dissoziativer Identitätsstörung Leidende seine Erlebnisse und zentrale Ereignisse seiner Biografie auf. Die Tagebucheinträge, ergänzt, kommentiert und zusammengefasst von einem Erzähler auf einer Meta-Ebene, zeigen die oft sehr aktiven Verwicklungen Simoninis (und Dalla Piccolas) in seinerzeit hochaktuelle Ereignisse: unter anderem seine Teilnahme am Risorgimento, die Bekanntschaft mit Giuseppe Garibaldi, Alexandre Dumas oder Sigmund Freud, seine Rolle im Deutsch-Französischen Krieg oder seine Verwicklung in die Dreyfus-Affäre.

„Die Haupteigenschaft der Leute ist ihre Bereitschaft, alles zu glauben.“
(S. 341)

Die Naivität, die Simonini und seine „Kollegen“ der breiten (in erster Linie französischen) Öffentlichkeit unterstellen, kennt kaum Grenzen. So bedient er sich beim Verfassen antisemitischer Pamphlete schamlos bei anderen Autoren, verwendet Motive und teilweise ganze Passagen wieder – was von der eben erwähnten Öffentlichkeit nicht hinterfragt wird. Umberto Eco zeichnet also das Bild einer Gesellschaft, in der die Entstehung antisemitischer Vorurteile absolut plausibel scheint und in der Hand weniger, dubioser Gestalten liegt. Der Grund für den Titel liegt im roten Faden, der sich durch das Buch zieht und oftmals beiläufig, fast als Nebenhandlung, immer wieder auftaucht: Simoninis Geschichte einer jüdischen Weltverschwörung, deren Köpfe sich am Prager jüdischen Friedhof treffen würden, welche er bei unterschiedlichen Gelegenheiten immer wieder platziert, den Text an die jeweiligen Gegebenheiten und Bedürfnisse seiner Klienten anpasst und, bei Notwendigkeit, um neue, erdachte Passagen ergänzt. Der Fälscher ist also im Friedhof in Prag hauptverantwortlich für die Entstehung der Protokolle der Weisen von Zion.

Verantwortlich für Simoninis starken, fast schon gewohnheitsmäßigen, Antisemitismus zeichnet sein Großvater, ein Antisemit durch und durch, der ihm bereits als Kind Schauergeschichten von Juden, die ihn entführen und töten würden, erzählt hatte. Ökonomisch ist Simonini besser gestellt, er braucht keine Sündenböcke für ihm widerfahrene Übel, noch kennt er persönlich Juden, die ihm geschadet hätten. Nichtsdestotrotz behält er seinen Antisemitismus, der ihm von seinem Großvater übertragen worden ist, sein Leben lang bei. Zusammen mit verschiedenen Gestalten aus unterschiedlichen Kreisen, die er selbst sogar verachtet, (Jesuiten, Freimaurer, Geheimdienste unterschiedlicher Staaten) produziert er mit seinen gefälschten Dokumenten nicht nur belastendes oder verleumdendes Material gegen Juden, sondern nach Bedarf ebenfalls Intrigen, Verschwörungen und Politik.

Die größte Stärke des Romans von Umberto Eco ist die Plausibilität der Schilderungen. Wer sagt, dass es nicht jemanden wie Simon Simonini in Paris gegeben haben könnte, der seinen Antisemitismus durch gefälschte Dokumente weiter verbreitete und die leichtgläubige Leserschaft an der Nase herumführte? Der Autor gibt über seine Intention, einen Verschwörer an den Puls der Zeit zu setzen, der seine Fantastereien (im vollen Wissen über ihre Substanzlosigkeit) zur Täuschung der Öffentlichkeit nach Bedarf in Dokumente formte, im Anhang Auskunft:

„Doch genau bedacht hat auch Simon Simonini, obwohl Ergebnis einer Collage, in der ihm Dinge zugeschrieben werden, die in Wirklichkeit mehrere verschiedene Personen getan haben, in gewisser Weise existiert. Ja, um es offen zu sagen, er ist immer noch unter uns.“ (S. 513)

Kann gesagt werden, dass Eco eine Verschwörung gegen eine Verschwörung konstruiert? Immerhin, wie sollte die Existenz und die Arbeit dieses Simonini widerlegt werden? Das ist mit abschließender Gewissheit nicht möglich, ebensowenig, wie sonstige Verschwörungstheorien durch eine ihnen inhärente Logik widerlegbar sind. Beweisen Sie beispielsweise, dass die USA tatsächlich auf dem Mond gelandet sind. Für jede Ihrer Aussagen oder Hypothesen fände ein Verschwörungstheoretiker eine passende Entgegnung. Nichtsdestotrotz ist, unter Berücksichtigung der oben zitierten Stelle, eine andere Interpretation brauchbarer. Simonini kann als Personifikation der Boshaftigkeit gegenüber Juden gesehen werden, als dasjenige Element, welches allen antisemitischen Autoren ihrer Epoche gemein ist. Er ist sozusagen als Geist vorhanden, bei jedem antisemitischen Text, bei jedem Pamphlet und jeder Verleumdung ist er dabei. Genauso gut könnte er sie selbst schreiben bzw. geschrieben haben.

Bis man sich allerdings in das Buch eingelesen hat, dauert es eine ganze Weile. Die Anreicherung des Stoffs, die Eco (teilweise sogar mit Kochrezepten) vornimmt, erreicht nahezu absurde Dimensionen. So neigt er dazu, sich in Details zu verlieren, was zwar die Zeit und den Ort literarisch wiedererstehen lässt, es aber gleichzeitig erschwert, der Geschichte die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie eigentlich verdient. Dennoch: Diese Oberflächlichkeiten verändern nichts an der Brisanz und der Substanz des Buches, das erst wenn man es zu Ende gelesen hat, sein gesamtes Potenzial entfaltet.

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