Von Rassenwahn zu „Hutu-Power“

Europäische Staaten legten mit ihrer rassistischen Kolonialpolitik den Grundstein für diverse Konflikte im heutigen Afrika. Besonders am Genozid in Rwanda tragen sie Mitverantwortung.

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Mit einer Schnur ermitteln Männer in weißen Kitteln den Schädelumfang eines auf dem Boden sitzenden Mannes. Während dieser mit gebrochenem Blick ins Leere starrt, werden Länge und Breite seiner Nase sowie der Abstand zwischen den Augen gemessen. Alle diese Ergebnisse werden penibel in Listen und Tabellen eingetragen. Der Sinn dieses Unterfangens: Die Bestimmung der „Rasse“ der untersuchten Person. Was sich heute liest wie eine Szene aus einem Gruselkabinett, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts Realität. Der Rassenwahn der Europäer lieferte die Begründung für die Kolonialisierung Afrikas.

Die Aufteilung Afrikas

Der Missbrauch von Charles Darwins Evolutionstheorie lieferte zugleich Begründung wie auch Rechtfertigung der Eroberung des afrikanischen Kontinents: Qua ihrer biologischen „Rasse“ wären die Europäer den Afrikanern überlegen – sowohl geistig-kulturell als auch militärisch – daher wäre es nur recht und billig, würden diese auch über Afrika herrschen. Die Europäer, die sich selbst nur allzu gerne als „Herrenmenschen“ betrachteten, verfuhren bei der Aufteilung Afrikas in Kolonien und in der anschließenden Herrschaft über diese keineswegs zimperlich. Gemäß des Konzeptes Divide et Impera nach Niccolò Machiavelli teilten die europäischen Mächte die Bevölkerung der Kolonien nach rassistischen Kriterien, um sie effektiver beherrschen zu können. Damit schufen sie vielfach Konfliktlinien, die auch heute noch einige der afrikanischen Staaten spalten. Ähnliches geschah auch in Rwanda.

Deutsche und belgische Herrschaft in Rwanda

Die deutschen Eroberer des Landes der tausend Hügel fanden bei ihren Erkundungen ein Königreich vor, dessen Bevölkerung sich in drei verschiedene Gruppen gliederte. Hutu, Tutsi und Twa waren allerdings nicht als „Stämme“ oder „Ethnien“ zu verstehen, wie oftmals fälschlich dargestellt, sondern vielmehr als Berufsbezeichnunfgen oder soziale Klassen. Mit dem Begriff Hutu waren Bauern, mit Tutsi Hirten und mit Twa – einer absoluten Bevölkerungsminderheit von einem Prozent – Jäger und Sammler gemeint.

Mit der Kolonialisierung durch die Deutschen – und später durch die Belgier – wurden diese Begriffe rassistisch umgedeutet. Ein Tutsi war ab diesem Zeitpunkt jemand, der hoch gewachsen war und eine hellere Hautfarbe sowie eine schmalere Nase aufwies als ein Hutu. Um ihre Herrschaft möglichst wenig kostenintensiv durchzusetzen, etablierten die Deutschen in Rwanda ein System der indirekten Herrschaft. Sie setzten die Tutsi als Machthaber ein, da sie diese aufgrund ihrer Gestalt als eine mit ihnen selbst verwandte „Rasse“ betrachteten und damit per se als bessere Herrscher. Die Bevölkerungsmehrheit der Hutu wurde mit dem Beginn der belgischen Herrschaft in Rwanda jeglicher Machtposition beraubt.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verlor Deutschland alle seine Kolonien. Rwanda, das bereits zuvor von Belgien erobert worden war, wurde diesem als Mandatsgebiet der League of Nations zugesprochen. Die Belgier trieben den von den Deutschen begonnenen Spaltungsprozess noch weiter voran. Diejenigen Hutu, die in Machtpositionen verblieben waren, wurden verdrängt, den Tutsi hingegen wurde immer mehr Macht eingeräumt. Zudem wurde ein Gesetz erlassen, wonach die jeweilige „Rasse“ im Personalausweis zu vermerken war. Durch diese Vorgehensweise wurden in Rwanda allmählich zwei – vermeintlich konträre – „Rassen“ konstruiert, die sich durch die allmähliche Entmachtung der Bevölkerungsmehrheit der Hutu (die in der Öffentlichkeit weniger respektvoll behandelt wurden als Tutsi) bald feindlich gegenüberstanden.

Die Hutu akzeptierten und adaptierten den von den Deutschen und vor allem von den Belgiern geschaffenen „Rassen“konstrukt und deuteten ihn um. So wäre die (Fremd-)Herrschaft der Tutsi immer schon von Gewalt und Tyrannei geprägt gewesen, der eigentliche Machtanspruch läge bei den Hutu. Tutsi wären noch nie ein Teil der rwandischen Gesellschaft gewesen und nach einem von Hutu dominierten Aufstand wurden diese Menschen zu Tausenden in die Nachbarstaaten vertrieben. Die Reaktion der Belgier auf die beginnenden Konflikte wirkt angesichts dieses Kontexts geradezu lachhaft: In Brüssel sah man die „Rassenunterschiede“ als zu groß an, als dass Hutu und Tutsi friedlich nebeneinander leben könnten.

Hutu-Power

Nach der Unabhängigkeit Rwandas im Jahr 1962 wurde die Anti-Tutsi-Politik zunächst von der Regierung der Partei Parmehutu, anschließend von der Regierung unter Juvénal Habyarimana, der sich 1973 an die Macht putschte, fortgesetzt. Im Oktober 1990 begann durch die Invasion Rwandas durch die Rwandan Patriotic Front (RPF) ein Bürgerkrieg. Gebildet wurde diese hauptsächlich von in Uganda lebenden Tutsi. Im gleichen Jahr verstärkte sich die tutsifeindliche Propaganda massiv. Als treibende Kraft dahinter ist die rechtsextreme Bewegung der Hutu Power zu nennen – eine neofaschistische Gruppierung, welche alle Tutsi aus Rwanda vertreiben und – seit den 90er Jahren – völlig auslöschen wollte.

Diese Propaganda wurde im Besonderen über das Radio, die populärste Nachrichtenquelle in Rwanda, verbreitet. Immer wieder wurden Hassbotschaften verbreitet und Tutsi durch Bezeichnungen wie Kakerlaken oder Gewürm allmählich entmenschlicht. Übergriffe auf Tutsi wurden quasi als „patriotische Pflicht“ und als „Akte der Selbstverteidigung“ dargestellt. Dass bei dem größten und populärsten dieser Hetzsender, RTLM, ein Belgier arbeitete, soll nur am Rande bemerkt werden. Die Milizen der Interahamwe sowie der Impuzamugambi dienten als Schlüsselelemente der Hutu-Power-Ideologie und anschließend des Genozids. Dessen Beginn wurde über RTLM mit der Aufforderung, die „Hohen Bäume“ zu fällen, eingeläutet.

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