Über die Kritik an Religionen

Welchen Sinn hat die Kritik an Religionen? Kann die Kritik an einem Glaubenssystem und die Kritik an Gläubigen gleichgesetzt werden?

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In einem Blogbeitrag vom 5. April 2014 kritisiert der österreichische Nationalratsabgeordnete Niko Alm (NEOS) einen ganz spezifischen Aspekt des Islam: Was der Islam von Ungläubigen hält, so der Titel des Artikels. Da ich mich, abseits meines Studienfachs, der Politikwissenschaft, für islamische Religionswissenschaft begeistere, erweckt ein solches Thema bei mir immense Neugierde. Letztendlich bewogen mich Niko Alms Worte dazu, mich kritisch seinem Zugang zu diesem Thema zu nähern, was mir leider erst jetzt zeitlich möglich war. Ich werde versuchen, die Problematik von Hrn. Alms Aussagen zu verdeutlichen.

Niko Alm, super-fi

NEOS-Religionssprecher Alm

 

In einem Disclaimer, den Hr. Alm vor seinen Artikel gesetzt hat, stand bis vor einem Tag noch die Aussage, dass er Islam und Muslime nicht gleichsetzen würde. Mittlerweile steht dort, um Missverständnissen vorzubeugen: „Wenn ich ‚Islam‘ schreibe, dann meine ich die Religion und damit die gelebte Ausprägung mancher Anhänger, aber keineswegs alle Muslime.“ Die Version, auf die sich meine Kritik bezieht, ist die erste, die missverständlich formulierte, in der noch keine Rede von der gelebten Ausprägung mancher Anhänger des Islam ist.

Der Schwertvers

Im Koran, der Sure 9, Vers 5, heißt es:

„Und wenn die heiligen Monate verflossen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt. Bereuen sie aber und verrichten das Gebet und zahlen die Zakāt, dann gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig.“

Wenn Sie sich jetzt fragen, wie ich diese Koranstelle zu widerlegen gedenke, lautet meine Antwort: Gar nicht. Steht das so im Koran? Ja, selbstverständlich. Ich habe hier (falls Sie sich fragen, woher die Unterschiede zu Hrn. Alms Zitat aus dem Koran kommen) aus meinem eigenen Exemplar zitiert. Wie dem auch sei, den Schwertvers als Beleg für die Ablehnung von Ungläubigen durch „den Islam“ heranzuziehen ist einfach. Strenge ich mich an, finde ich noch andere Stellen im Koran, die sicher noch eine Spur martialischer sind. Zu bedenken gebe ich hier, dass Religionen (und deren heilige Schriften) zwar einen massiven kulturgeschichtlichen Einfluss auf Gesellschaften ausüben, aber Glaubenssysteme keineswegs mit den Büchern, auf denen sie basieren, identisch sind. Sprich: wesentlich wichtiger, als die Frage, wie der Umgang mit Ungläubigen im Koran geregelt ist, ist die Frage, wie mit ihnen in der gelebten Praxis umgegangen wird.

Stellt man diese Frage im Falle „des Islam“ muss gleichzeitig gefragt werden, welche Ausprägung denn damit gemeint wird. Der sunnitische Islam, oder der schiitische? Der der Fünfer-Schiiten, der Zwölfer-Schiiten, der Alawiten, der Drusen oder der Sufis? Das sind alles unterschiedliche Strömungen, deren Anhänger zweifellos nicht alle eine extreme Position gegenüber Ungläubigen einnehmen. Der Koran bildet also nicht die Wirklichkeit ab, man kann aus ihm also bloß eine grundlegende Tendenz entnehmen. Viel interessanter, wie oben bereits erwähnt, ist also die praktische Ausprägung/Auslegung in diversen Gesellschaften.

Als Gegenbeispiel, um zu verdeutlichen, dass eine solche Vorgehensweise nicht nur im Falle des Koran und des Islam fragwürdig ist, möchte ich Leviticus 20:13 anführen: „Und wenn ein Mann bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weibe liegt, so haben beide einen Greuel verübt; sie sollen gewißlich getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.“ Ich kenne jedoch sowohl Christen, die fundamental gegen Homosexualität eingestellt sind, als auch Christen, die Homosexualität für ganz normal erachten.

Fuat Sanaç

Als erstes Beispiel, wie manche Muslime mit dem Thema Ungläubige umgehen, führt Hr. Alm eine Aussage des Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Fuat Sanaç, an. Es ging um einen Fall von Vandalismus in Wiener Kirchen, der mutmaßliche Täter gab an, er sei von Gott beauftragt worden, diese Akte zu begehen. (Hr. Alm bezog sich auf den Artikel in der Heute vom 4. April, weswegen ich das hier ebenfalls tue.) Hierzu die Aussage des IGGiÖ-Präsidenten:

“Selbst wenn die Taten von einem geistig verwirrten ausgegangen sind, soll hier deutlich Stellung genommen werden. Christen sind als ‘Leute des Buches’ Muslimen nahe und keinesfalls als ‘Ungläubige’ abzuqualifizieren.”

Hr. Alm kritisiert – zurecht, wie ich meine – diese Aussage, vor allem den Teil, in der Hr. Sanaç von einer Abqualifikation spricht. Das ist durchaus befremdlich und ich kann, wie gesagt, Niko Alms Kritik nachvollziehen. Mehr muss hierzu meiner Meinung nach nicht gesagt werden. Bestenfalls ist die Wortwahl Hrn. Sanaçs unglücklich, schlimmstenfalls ist seine Position fragwürdig.

Mehrheitlich muslimische Staaten

Den zweiten Fall, den Hr. Alm in seinem Beitrag anführt, halte ich für wesentlich problematischer. Die Aufzählung mehrheitlich muslimischer Staaten, in denen es erlaubt ist, Ungläubige hinzurichten, ist für einen Nachweis, dass der Islam Ungläubige hasst, nicht sinnvoll. Während dies in 13 verschiedenen Staaten erlaubt ist, muss dem entgegengehalten werden, dass mehrere mehrheitlich muslimische Staaten dies keineswegs so handhaben: Ägypten, Algerien, Gambia, Guinea, Iraq, Libyen, Mali, Marokko, Niger, Sénégal, Sierra Leone, Syrien, der Türkei, Turkmenistan, Usbekistan – und dem Kosovo.

Das bedeutet nicht, dass religiöse Gesetzgebung in verschiedenen Staaten nicht kritisierenswert ist, ich beispielsweise lehne sie strikt ab. Wenn aber die Frage danach gestellt wird, was der Islam von Ungläubigen hält, und dabei gezeigt wird, in wie vielen Staaten Ungläubige hingerichtet werden dürfen, ist es irreführend, wird nicht gleichzeitig die Praxis der Mehrheit der Muslime bzw. der muslimischen Staaten dargestellt. Will Hr. Alm die praktische Politik von Staaten wie Saudi-Arabien kritisieren, ist das durchaus sein Recht, das aber gleichzusetzen mit dem Islam ist ein Fehler – kritisiert müsste die mangelnde Trennung zwischen Religion und Staat werden.

„Der Islam“ und seine Anhänger

Das kritisierenswerteste an Hrn. Alms Artikel ist allerdings die Formulierung, was der Islam von Ungläubigen hält. Was soll das bedeuten, welchen Islam meint Hr. Alm? Die schlechte Differenzierung zwischen Gläubigen und ihrer Religion erweckt fast schon den Eindruck antimuslimischer Propaganda: Hr. Alm bezieht sich auf eine gelebte Praxis von Minderheiten im Islam, setzt dies allerdings mit dem Begriff Islam selbst gleich. Damit bezieht er sich Automatisch auch auf die gelebte Praxis der Religion und somit auch auf alle Muslime. Wird eine Minderheitenposition kritisiert, muss dies ausreichend benannt werden. Selbst wenn Hr. Alm dies in seinem Disclaimer nachträglich eingefügt hat, muss dies explizit im Text verankert werden. Warum nimmt Hr. Alm sich nicht die Zeit an die Stelle des Ausdrucks Islam die Formulierung manche Gläubige zu setzen? Welchen Sinn erfüllte es, den Islam auf diese Art und Weise fast schon zu diffamieren? Mit dieser Gleichsetzung wird quasi allen Muslimen – selbst wenn Hr. Alm dies durch seinen Disclaimer zu verhindern sucht – unterstellt, eine gewisse Position zu dem Thema Ungläubige zu beziehen. Ich halte das für vornherein unzulässig.

Ebenfalls für problematisch halte ich die beiden gewählten Fallbeispiele in einem größeren Kontext. Der Sinn dahinter wird gewesen sein, das Spektrum der Behandlung von Ungläubigen zu illustrieren, dennoch wird hier subtil der Eindruck erweckt, dass sich alle Muslime innerhalb dieses Spektrums bewegen, also entweder Ungläubige verbal ablehnen, oder umzubringen versuchen.

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2 Kommentare

  1. Warum eine schlechte Differenzierung zwischen „dem Islam“ und den Muslimen problematisch ist, beantwortet die Historikern Yasemin Shooman in ihrem Text „Islamophobie, antimuslimischer Rassismus oder Muslimfeindlichkeit? Kommentar zu der Begriffsdebatte der Deutschen Islam Konferenz“, abzurufen unter http://heimatkunde.boell.de/2011/07/01/islamophobie-antimuslimischer-rassismus-oder-muslimfeindlichkeit-kommentar-zu-der. Muslime sind ob ihrer Religion nicht determiniert, genauso wenig wie zwingendermaßen ein wechselseitiges Verhältnis zwischen einer extremen Minderheit und der Mehrheit einer Glaubensgemeinschaft besteht. Sprich: Mit dem Vermischen von Islam und einer Minderheitenposition wird begrifflich die Mehrheit der Muslime zu determinieren versucht. Wie im Text erwähnt, halte ich es für fragwürdig, dass Hr. Alm nicht direkt in seinem Beitrag von extremen Minderheitenpositionen spricht.

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