Hier sind nur Menschen

Die internationale Gemeinschaft hätte den Völkermord in Rwanda noch vor dessen Beginn beenden können. Dass sie das nicht getan hat, macht sie für die Gräueltaten mitverantwortlich.

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In den allermeisten Fällen ist die Wirklichkeit nicht schwarz oder weiß. Oft sind es gerade die Zwischentöne, die eine Geschichte besonders lesenswert machen. Aber hier, in diesem Fall, gibt es keine solchen Zwischentöne. Hier geht es um das Handeln – oder vielmehr das Unterlassen einer Handlung – der Vereinten Nationen während des Völkermords in Rwanda. Dabei wäre es für die internationale Gemeinschaft keine große Herausforderung gewesen, die Gemetzel zu beenden.

Dallaire

Roméo Dallaire: Damals Kommandant, heute scharfer Kritiker der Vorgehensweise der UN

Die Nichtbeachtung aller Anzeichen

Noch bevor die Gräueltaten begannen, hätten die Vereinten Nationen sie verhindern können, oder die ausufernde Gewalt zumindest eindämmen können. So zeigten die Ereignisse mindestens drei Monate vor dem 6. April 1994, dass Extremisten Gewaltakte gegen Tutsi vorbereiteten: Beispielsweise die massive Hetze in rwandischen Medien (vor allem im Radio Télévision des Mille Collines, einem lokalen Radiosender) oder die Bewaffnung der Milizen Interahamwe und Impuzamugambi, vor allem aber die Erfassung der Namen und Adressen aller Tutsi und moderater Hutu auf Todeslisten. Dem zum Trotz reagierte man in New York nicht auf das Drängen des Kommandanten der UN-Mission in Rwanda, General Roméo Dallaire, der Mission mehr Geldmittel zur Verfügung zu stellen und ihr die Erlaubnis zu erteilen, Waffen aus bekannten Lagerungsstätten zu beschlagnahmen, was die Milizen gelähmt, oder zumindest geschwächt hätte.

Angesichts des Charakters von UNAMIR als einer friedenserhaltenden Mission wäre das allerdings die Aufgabe der Blauhelme in Rwanda gewesen. Nicht nur, um einen Genozid zu verhindern, wäre es notwendig gewesen, um einer Eskalation zwischen den Bürgerkriegsparteien, zwischen denen gerade ein fragiler Waffenstillstand herrschte, zu verhindern. Waffenlieferungen aus dem Ausland zu verhindern oder danach zu beschlagnahmen ist als Mittel zur Friedenssicherung eigentlich unverzichtbar, wurde allerdings durch das eingeschränkte Mandat der UNAMIR verhindert.

Moralisches Versagen

Der internationalen Gemeinschaft kann also mit Fug und Recht unterstellt werden, dass sie jederzeit genau über die Vorgänge in Rwanda informiert war: Dokumente belegen den Informationsfluss von Roméo Dallaire nach New York (der damals für Friedensmissionen zuständige Diplomat hieß übrigens Kofi Annan). Nicht nur die Tatsache, dass der Sicherheitsrat die in Rwanda stationierten Blauhelme nicht verstärken, sondern deren Kontingent verkleinern und auf dem Höhepunkt des Völkermordes die gesamte Truppe abziehen wollte, anstatt zu helfen, ist allerdings nicht das größte moralische Versagen der internationalen Gemeinschaft.

Die Mitglieder des Sicherheitsrats, allen voran die USA, versuchten krampfhaft, sich um das Wort „Völkermord“ herum zu lavieren. Man sprach von „genozidalen Akten“ – um die eigene Verantwortlichkeit nicht wahrnehmen zu müssen. Der Mangel an Hilfsbereitschaft ging sogar soweit, dass europäische Staaten ihre Staatsangehörigen zwar aus Rwanda evakuierten – mit einem Begleitschutz von insgesamt 2500 Soldaten – aber nicht einmal in Erwägung zogen, die Gemetzel zu beenden. Das Perverseste allerdings war die Einstellung der Staatengemeinschaft, wie General Dallaire es vor zehn Jahren in Worte fasste:  “Rwanda is black. It’s in the middle of Africa. It has no strategic value. And all that’s there, they told me, are people, and there are too many anyway.”

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