Aktivismus in nur 140 Zeichen?

Stichwort „Hashtag-Aktivismus“: Hashtags wie #IceBucketChallenge oder #BringBackOurGirls waren plötzlich in aller Munde. Hat diese Form des Aktivismus überhaupt einen Sinn oder muss man, um etwas bewirken zu können, nicht ohnehin über 140 Zeichen hinaus?

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Wenn es darum geht, was Politik umsetzt, dann ist natürlich die Frage, die Politik, bzw. die Leute, die an der Macht sind, tun. Die erreicht man über solche Sachen nicht direkt und wird ihr Handeln nicht direkt beeinflussen. Politikerinnen und Politiker richten ihr Handeln allerdings an öffentlichen Meinungsbildungsprozessen aus. Früher hat man eben versucht, Journalisten zu erreichen und sie dazu zu bringen, über Themen zu berichten, die einem wichtig sind. Organisationen oder politische Aktivisten haben das gemacht und so versucht, Journalisten davon zu überzeugen, darüber in den Massenmedien zu berichten. Damit die Bevölkerung ihre Meinung ändert, diese Meinung dann bei der nächsten Wahl oder vielleicht schon in Meinungsumfragen ausdrückt und dadurch die Politik ihre Meinung ändert.

Heute wird nicht mehr versucht, die Medien zu erreichen, sondern Politikerinnen und Politiker direkt, über Social Media?

Doch, natürlich wird auch heute noch versucht, Massenmedien zu erreichen. Im Endeffekt hat sich eine zweite Strategie gebildet und die erste Strategie hat nach wie vor Relevanz. Es gibt nach wie vor Unternehmen, Organisationen, die sehr gute Journalistenkontakte haben und auf diese Weise Aufmerksamkeit für ihre Themen bekommen. Die zweite Strategie ist eben, diese Funktion von sozialen Netzwerken zu nutzen und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Durch diesen sozialen Prozess, der darauf beruht, dass viele Einzelne Entscheidungen treffen und sagen, „ja, das find’ ich interessant, das leite ich weiter, das teile ich“, oder „okay, das finde ich furchtbar, das muss ich kommentieren“.

Man könnte also im Prinzip sagen, dass mit solchen Aktionen Debatten über gewisse Themen angestoßen werden? #Kony2012, #Haiti, #IceBucketChallenge, #Aufschrei sind alles Beispiele für solche Aktionen. Dennoch hat man den Eindruck, dass diese keinen wirklich nachhaltigen Effekt haben, sobald sich die Debatte gelegt hat.

Naja, gerade bei #Kony2012 hatte es doch den Effekt, dass die Regierung der USA sich mit dem Problem auseinandergesetzt hat und 500 Soldaten sowie Militärunterstützung nach Uganda geschickt hat. Also, das halte ich für einen ziemlich massiven Effekt.

Das mag sein, aber meines Wissens nach ist Joseph Kony noch in Freiheit.

Ja, aber das hat nichts damit zu tun, ob dieser Protest ein Ergebnis hatte oder nicht, er hat sich in konkreten, politischen Entscheidungen niedergeschlagen. Wobei „Protest“ nicht das richtige Wort dafür ist. Das war ja eine orchestrierte PR-Aktion. Während beispielsweise #Aufschrei spontan entstanden ist, aus dem Aufruhr heraus. Das war sowieso etwas, worüber auch in Massenmedien berichtet wurde. Rainer Brüderle, der diese Journalistin belästigt hat, Frauen, die sich dazu geäußert haben und gemeint haben, das ist etwas, das laufend passiert, dass sie mit schmierigen Typen zu tun haben, die glauben, sie müssten sexistische Witze reißen. Die gesagt haben, da sammeln wir einmal, was da so alles passiert.

Mittels dem Hashtag #Aufschrei.

Ja, denn dazu sind Hashtags natürlich großartig. Wir haben es ja mit einer Struktur zu tun, wo jeder sein eigenes Netzwerk, seine eigenen Kontakte hat. Das sind die 200, 300 Facebook-Freunde und 500, 600 Twitter-Follower. Mittels Hashtag ist es möglich, diese Diskussionen über die konkreten Netzwerke hinaus  thematisch zusammenzuführen. Welche Diskussion das auch immer ist, ob das jetzt #Aufschrei sein mag, wo es um ein politisches Thema gegangen ist, oder ob das „Deutschland sucht den Superstar“ ist, wo die Leute über den Hashtag sehen, wer das noch aller sieht und mit diesen diskutieren können. Was nach der Sendung dann aber schon wieder nicht mehr aktuell ist, weil es dann nicht mehr interessant ist, sich mit diesen Leuten auszutauschen. Dann hab’ ich wieder mein Repertoire an Kontakten in meinem Netzwerk, die mich mit Nachrichten und Mitteilungen versorgen – und dann eben diese thematisch zentrierten Geschichten rund um Hashtags. Was das jetzt genau gebracht hat… Auch Aufschrei hatte große massenmediale Aufmerksamkeit. Dass sich die Gesellschaft als Ganzes in einem Land mit dem Thema befasst, dazu braucht es natürlich nach wie vor die Massenmedien, die solche Themen aufgreifen. Das heißt, die Bewegungen entstehen durch diese sozialen Prozesse in sozialen Online-Netzwerken und wenn die Massenmedien das merken und aufgreifen, dann ist die Verbreitung natürlich enorm.

Also, braucht es in gewisser Weise auch ein Zusammenspiel von Journalisten, Medien und den neuen Medien?

Genau. Axel Bruns, ein australischer Forscher, hat dafür den Begriff des „Gate Watching“ geprägt, im Gegensatz zum „Gate Keeping“. Die Journalisten, die dieses „Gate Keeping“ klassischerweise betrieben haben, haben gesagt, „okay, das sind meine Nachrichten, die bekomme ich aus meinem APA-Newsstream. Dann wähle ich die aus, die ich meinem Publikum vermitteln will“. Und genauso wichtig ist für Journalisten heute das „Gate Watching“, also überall zu suchen, was passiert um frühzeitig zu erkennen, wenn irgendwo Themen aufkommen, diese dann aufzugreifen um in der Gate-Keeper-Rolle zu bleiben.

Ist es rein zufällig, welche Themen in sozialen Netzwerken besprochen werden? Oder sind es vielmehr meistens Themen, die Menschen stark polarisieren?

Es geschieht nicht zufällig, aber das Muster ist auch nicht ganz klar. Wir würden das als komplexes System bezeichnen. Wir haben sehr viele Variablen und können daher nichts vorhersagen, die Vorhersagemöglichkeit ist schlicht inexistent. Nichtsdestotrotz kann man strategisch arbeiten und das tun ja auch viele. Also, es gibt natürlich bestimmte Kriterien, die man anlegen kann, um zu erreichen, dass die eigenen Botschaften geteilt werden. Das kann man aus verschiedenen Perspektiven betrachten, wenn ich untersuche, warum Leute Nachrichten zum Beispiel auf Facebook oder Twitter teilen, kommt man auf eine ganze Reihe von Motivlagen, die in Kombination auch wirken.

Welche Motive spielen dabei eine Rolle?

Also zum Einen ist das die Selbstdarstellungsgeschichte. Ich teile Dinge, die mir entsprechen und mit denen ich mich dann auch entsprechend positionieren kann, durchaus auch sehr starke Positionen einnehmen kann, vielleicht auch neue Informationen in den Diskurs einbringen kann, die Leute, mit denen ich in Kontakt bin, noch nicht haben. Oder im politischen Bereich, auch Dinge, die ich unterstütze, die ich selbst richtig und wichtig finde, wo ich mit meinen eigenen Erfahrungen anschließen kann, also Dinge, die mir im Alltag begegnen, wie diese Sexismus-Geschichte. Das waren alles Frauen, die alltägliche Erfahrungen mit Sexismus hatten und bei anderen Dingen ist das ähnlich. Wenn ich mit meinen eigenen Erfahrungen anschließen kann, ist das besser. Und natürlich sharen Leute ihre Nachrichten bei Themen, die hoch emotionalisieren, egal ob positiv oder negativ. Als Unternehmen, als politische Partei, als Organisation wird man versuchen, strategisch Inhalte so aufzubereiten, dass sie dieser Motivlage entsprechen und die Leute das weiterleiten. Das ist etwas, das zum Beispiel gerade im politischen Bereich wenige Parteien wirklich können. Bei Unternehmen können das inzwischen spezialisierte PR-Agenturen sehr gut.

Gibt es da Unterschiede zwischen der österreichischen Twitteria und dem Nutzungsverhalten angloamerikanischer Politikerinnen und Politiker? Wie genau gestalten sich diese Unterschiede?

Unterschiede finden sich in vielen verschiedenen Bereichen. Zum Einen waren die Medien in den USA schon sehr viel früher populärer, verbreiteter und wurden sehr viel ernster genommen, während sich die politische Sphäre in Österreich und auch in Europa viel langsamer an das Thema herangewagt hat. Zum Anderen haben wir es ja auch mit einer ganz anderen politischen Situation zu tun, in Österreich, den USA und auch in anderen Ländern. Wenn Sie durch einen Vorort in Nordamerika fahren, dann sehen Sie in den Gärten Fähnchen stehen – Demokraten oder Republikaner. Das heißt, die Menschen tragen ihre politische Meinung nach außen. Das wird man in Österreich nirgendwo finden, dass jemand ÖVP oder SPÖ auf seine Tür schreibt. Leute drücken im Alltag ihre politische Meinung nicht so stark aus, wie in anderen Ländern.

In Großbritannien oder den nordischen Ländern ist das ein wenig anders. Dort nutzen Politikerinnen und Politiker auch stärker Facebook und Twitter. Bei uns ist das nicht so, daher haben Parteien auch große Probleme, dass Menschen ihre Inhalte teilen. Aus denselben Gründen, aus denen sie kein Fähnchen mit der Parteifarbe in ihren Vorgarten stecken, da sie ein viel zurückhaltenderes Verhältnis zu der politischen Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit haben, als das in anderen Ländern der Fall ist.

Weshalb sind eigentlich die Grünen, die NEOS und davor das BZÖ, auf Twitter recht stark? Bei den NEOS und den Grünen erklärt es sich womöglich dadurch, dass sie moderner, aufgeschlossener sind – diesen Eindruck hat man beim BZÖ nicht.

Darauf gibt es eine vielschichtige Antwort. Einerseits ist es so, dass wir in allen Ländern Europas beobachten, dass Parteien, die tendenziell eher extreme Positionen einnehmen, sehr viel mehr und besser die neuen Medien nutzen. Das hat sicher damit zu tun, dass sie in den Massenmedien nicht so stark vorkommen und diese Medien dann als Möglichkeit sehen, um mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten. Das hat auch damit zu tun, dass die Wählerinnen und Wähler der extremeren Parteien sich oftmals gesellschaftlich an den Rand gedrängt fühlen und dann auch oft dazu tendieren, ihre politische Position stärker nach außen zu tragen. Bei der FPÖ sieht man das auch in Österreich, das ist eine klassische Ausgrenzungsgeschichte. HC Strache ist ja auf Facebook unerreicht. Extremere Parteien sehen Social Media als Möglichkeit, an den Massenmedien vorbei mit der Wählerschaft in Kontakt zu treten.

Erklärt das auch die Stärke des BZÖ auf Twitter?

Das erklärt vielleicht das „Phänomen HC Strache“, aber vielleicht nicht das BZÖ. Auch nicht die Grünen oder die NEOS, die jetzt nicht unbedingt Extrempositionen vertreten. Hier entspricht eher die Klientel. Die Klientel ist einfach tendenziell jünger, urbaner, technologieaffiner – und nutzt somit diese Medien stärker, kann damit auch stärker angesprochen werden. Außerdem sind auch die Politikerinnen und Politiker selbst urbaner, jünger und technologieaffiner. Die haben es in Sozialen Medien auch leichter, genauso Politikerinnen und Politiker anderer Parteien. Sebastian Kurz beispielsweise twittert ja auch die ganze Zeit, obwohl er sicher als Außenminister genug zu tun hat. Aber er erkennt das Medium als Möglichkeit, hier mit den Medien des Landes, mit den Journalisten in Kontakt zu bleiben. Das BZÖ war auf Facebook nie wirklich erfolgreich, auf Twitter waren die gut unterwegs, das ist aber sehr von Einzelpersonen abhängig gewesen. Primär Stefan Petzner, der das Medium verinnerlicht hatte und auch unterhaltsam war. Im Gegensatz dazu steht das klassische „Großparteiendenken“, Informationen in Pressemitteilungen hinauszugeben. Petzner hat einfach herumdiskutiert und geschimpft, wie das mittlerweile auch viele andere tun.

Bei ihrer Studie über Twitter hat sich herausgestellt, dass dieses Netzwerk in Österreich vor allem männlich geprägt ist. Würden Sie sagen, dass das einfach damit zusammenhängt, dass in der Politik generell sehr viele Männer sind oder würden Sie sagen, das hat auch mit Twitter selbst, als Medium, zu tun?

Sowohl als auch. Also zunächst sind nun einmal mehr Männer in Führungspositionen und in politischen Positionen. Man muss sich nur einmal die Spitzenkandidaten der Nationalratswahl anschauen – fünf Männer, eine Frau. Außerdem existiert das Vorurteil, dass man Männern eine stärkere Technologieaffinität nachsagt, bei solchen Dingen. Wobei dieses Vorurteil dadurch herausgefordert wird, dass man sieht, dass Frauen sehr stark andere Kommunikationsmedien nutzen. Gerade diese ganzen Bilder-Sharing-Dienste wie Instagram, Pinterest und so weiter. Dafür gibt es aber keine allgemeine Erklärung. Aus irgendeinem Grund scheint es mehr Männer anzusprechen. Aber ja, es sind einfach mehr Männer im Journalismus und der Politik, in herausragenden Positionen, die diese Technologien dann auch nutzen. Ich denke, das ist einfach der primäre Grund.

Wie denken Sie, dass sich Twitter in Österreich in den kommenden Jahren entwickeln wird? Wird es sich als Kommunikationssphäre in dieser Form etablieren?

Naja, etabliert ist es. Ich würde sogar sagen, es ist inzwischen sehr etabliert in dieser Community.

Wird sich die Nutzerschaft von Twitter noch ausdehnen?

Nein, ich glaube nicht. Ich glaube, dass es wohl noch wachsen wird, auch in Österreich, aber ich glaube nicht, dass es ähnlich sein wird, wie in Brasilien oder in Indonesien, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung einen Twitter-Account hat. In diesen beiden Ländern, in den USA natürlich auch, ist Twitter am stärksten. Es wird dort aber auch ganz anders genutzt. Sehr viel stärker als Freundesnetzwerk, wie es auch Facebook darstellt. Das sind aber auch Gesellschaften, die sehr viel offener und öffentlicher sind. Das hat viel damit zu tun, dass sich das Leben in Brasilien auf der Straße abspielt. Nicht im Sinne von Armut, das Leben findet draußen, in der Öffentlichkeit statt. Ähnlich wie in Süditalien. In Europa sind ja Italien und Spanien sehr stark, was Twitter betrifft. Sowohl die südlichen Länder als auch die nordischen, das lässt sich dort wieder ganz anders erklären. Das hat alles mit der Frage zu tun, „wie geht eine Gesellschaft mit Öffentlichkeit um?“ Wie wichtig ist ihr Privates, welche Dinge sind privat? Wir finden, politische Einstellungen sind privat, in anderen Gesellschaften empfindet man das nicht so. Deswegen glaube ich nicht, dass Twitter in Österreich massiven Zuwachs haben wird. Ich glaube aber, dass es sehr etabliert ist und es wird sich noch stärker etablieren in den spezifischen Bereichen. Aber dafür, dass es richtig alltagsintegriert für Freunde verwendet wird, dafür ist, glaube ich, der Zug abgefahren.

Vielen Dank für das Gespräch und dafür, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

Dr. Axel Maireder unterrichtet am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf politischer Kommunikation in Sozialen Medien sowie der Dynamik und Struktur öffentlicher Diskurse im Internet. Er ist unter @axelmaireder auf Twitter zu finden.

Das Interview führten Vera Vogelauer und Raphael J. Spötta

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